Handelsblatt-Barclays-Indikator
Deutsche Konjunktur fällt zurück

Die Ansicht, dass sich die deutsche Wirtschaft auf der Überholspur befände, wurde nun durch die Realität eingeholt. Der Handelsblatt-Barclays-Indikator geht von einem schwachen vierten Quartal aus. Als Schlüssel zu dieser Entwicklung gilt der abnehmende Konsum, der jedoch nicht das einzige Problem darstellt.

FRANKFURT. Die verbreitete Einschätzung, dass es Deutschland gelungen ist, sich von einem Bremsklotz zur Wachstumslokomotive für die Wirtschaft des Euroraums zu wandeln, hat sich nicht bestätigt. Der Handelsblatt-Barclays-Indikator für Deutschland zeigt für das vierte Quartal eine deutliche Abschwächung des Wirtschaftswachstums auf 0,25 Prozent voraus. Im Vorjahresvergleich bedeutet dies ein arbeitstäglich bereinigtes Wachstum von nur noch 1,7 Prozent, den niedrigsten Wert seit zwei Jahren.

Im dritten Quartal war die deutsche Wirtschaft um 0,7 Prozent gewachsen. Die Investmentbank Barclays Capital, die den Indikator für das Handelsblatt berechnet, schätzt anhand eines ähnlich strukturierten Indikators für den Euroraum, dass dort die Wirtschaft im vierten Quartal mit 0,35 Prozent etwas stärker wachsen wird. Für das Gesamtjahr würde die Barclays-Prongose für Deutschland eine Wachstumsrate von 2,5 Prozent bedeuten; für den Euroraum rechnen die meisten Ökonomen mit 2,6 Prozent Wachstum. In den vergangenen Quartalen hatte der Indikator das tatsächliche Wachstum im betreffenden Quartal jeweils gut vorhergesagt.

Insbesondere der schwache Konsum dürfte die deutsche Wirtschaft im laufenden Quartal bremsen. Der kräftige Rückgang der Einzelhandelsumsätze im Oktober lässt nichts Gutes ahnen. "Derzeit kann man einen Rückgang des privaten Verbrauchs im vierten Quartal nicht ausschließen“, sagt Nick Matthew von Barclays Capital. "Hohe Preissteigerungen bei lebensnotwendigen Gütern des täglichen Bedarfs, wie Lebensmittel und Energie, scheinen das Verbrauchervertrauen zu belasten und den privaten Verbrauch zu drücken“, lautet die Erklärung des Experten. Für die Industrieproduktion (ohne Bauwirtschaft) rechnen die Barclays-Ökonomen für dieses Quartal mit einer Stagnation. Damit entfiele ein wichtiger Treiber des Wirtschaftswachstums in den vorangegangen Quartalen.

Weil ein schwaches Wachstum zum Jahresende den Startpunkt für das nächste Jahr nach unten drückt, ist es ein schlechtes Omen für das jahresdurchschnittliche Wachstum im kommenden Jahr. Die Ökonomen von Barclays Capital rechnen mit rund zwei Prozent im Jahr 2008 und damit erneut etwa so viel wie im Euroraum insgesamt.

Bremsend dürft nach der Einschätzung von Barclays Capital ein ungünstiger werdendes außenwirtschaftliches Umfeld wirken. "Für den Euroraum deuten die Geschäftsklimaumfrage darauf hin, das die Industrie wegen des teuren Euros und der globalen Konjunkturabschwächung auf eine leichte Rezession zusteuert“, beschreibt Matthews die Perspektiven in den Nachbarländern, den wichtigsten Märkten für deutsche Exporteure.

Im Oktober legten die deutschen Exporte gegenüber September um 0,6 Prozent auf 88,9 Mrd. Euro zu. Sie lagen damit um 6,3 Prozent höher als im Vorjahr, der zweitniedrigste Zuwachs in diesem Jahr. Dabei schrumpften die Ausfuhren außerhalb der EU-Länder erneut. "Die Entwicklung des Euro-Kurses und des Ölpreises scheinen einen ersten Schatten auf die Exportwirtschaft zu werfen“, sagte der Präsident des Branchenverbandes BGA, Anton Börner.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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