Handelsblatt-Barclays-Indikator
Wirtschaft schwächelt im zweiten Quartal

Von April bis Juni hat die hiesige Wirtschaft deutlich an Tempo verloren. Das sagt der neue Konjunktur-Indikator des Handelsblattes vorher. Der Aufschwung bleibt aber trotzdem im Gesamtjahr in Takt.

Die hiesige Wirtschaft dürfte in den vergangenen Monaten noch langsamer gewachsen sein als zunächst angenommen - und das trotz zuletzt positiver Konjunkturdaten. Das sagt der Handelsblatt-Barclays-Indikator vorher. Das Barometer prognostiziert für das zweite Quartal einen Anstieg des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von 0,15 Prozent im Vergleich zum Vorquartal und fällt damit noch schwächer aus als im Juni. Damals hatte der Indikator noch einen Zuwachs von 0,26 Prozent für das zweite Quartal vorhergesagt. Zu Jahresbeginn war die deutsche Wirtschaft um 0,5 Prozent gewachsen.

Das zweite Quartal stellt den Volkswirten von Barclays Capital zufolge allerdings nur eine kurze Schwächephase dar. Für das gesamte Jahr 2007 sind die Konjunkturexperten viel zuversichtlicher: Sie rechnen schon im dritten Quartal mit einer deutlichen Belebung und einem BIP-Anstieg um 2,6 Prozent im Gesamtjahr. "Der generelle Trend der deutschen Wirtschaft bleibt in Takt", argumentiert Barclays Capital-Experte Nick Matthews. Die Unternehmen hätten weiter großes Vertrauen - das gehe aus Umfragen wie dem Ifo-Geschäftsklima oder dem Handelsblatt Business-Monitor hervor. Damit dürfte die größte Volkswirtschaft der Euro-Zone annähernd so schnell wachsen wie der gesamte Währungsraum: Für die Euro-Zone sagt Barclays Capital einen Anstieg des BIP um 2,7 Prozent im laufenden Jahr vorher.

Infografik: Der Handelsblatt-Barclays-Indikator in Juli 2007

Die Hauptursache für die vorübergehende Flaute der deutschen Wirtschaft ist laut der britischen Investmentbank klar identifizierbar: der Bausektor. Im Bauhauptgewerbe erhöhte sich die Produktion mit 0,3 Prozent im Mai kaum, teilte das Bundeswirtschaftsministerium gestern basierend auf vorläufigen Daten mit. Zu Jahresbeginn hatte sich der Sektor noch prächtig entwickelt - und vor allem von zwei Sondereffekten profitiert: dem milden Winterwetter und der Mehrwertsteuererhöhung, die Ende 2006 die Baukonjunktur angekurbelt und laut Barclays Capital möglicherweise zu einem "Produktionsüberhang" geführt hatte. "Nun scheint sich der Bausektor auf einen beträchtlichen Abschwung zu zu bewegen und damit das Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal negativ zu beeinträchtigen", analysiert Ökonom Matthews.

Das gesamte produzierende Gewerbe stellte im Mai preis- und saisonbereinigt dagegen wieder merklich mehr her als im Vormonat: Die Erzeugung nahm um 1,9 Prozent zu. Die "maßgeblichen Impulse" lieferte dem Ministerium zufolge die Industrie - dort stieg die Erzeugung deutlich um 2,3 Prozent. Neben dem Bau schwächelte auch die Energiewirtschaft: Der Sektor drosselte sogar seine Erzeugung und stellte im Mai 0,9 Prozent weniger her als im Vormonat.

Auch wenn das produzierende Gewerbe im Mai insgesamt zwar wieder "auf die Beine gekommen" sei, scheine es im zweiten Quartal nur "sehr bescheidene Zuwächse" zu erzielen, kommentiert Matthews. Der Konjunkturexperte verweist vor allem auf den schwachen April: Damals hatte ein Brückentag vor dem ersten Mai den Monatswert deutlich nach unten gerissen.

Das Bundeswirtschaftsministerium ist anderer Meinung: Mit dem insgesamt deutlichen Anstieg im Mai dürfte die Abschwächung des Vormonats "nahezu kompensiert" worden sein, schrieb das Haus Glos. Andere Bankvolkswirte wie Andreas Rees von Unicredit sind dagegen auch zurückhaltend. Der Produktionsanstieg im Mai sei zwar "Balsam für die Seele". Gleichwohl rechnet auch er im zweiten Quartal mit einer schwächeren Industrieproduktion als im ersten Vierteljahr. Selbst mit einem guten Juni könne der schwache April "nicht mehr wettgemacht werden".

Ein ähnliches Bild wie die Produktion lieferten zuletzt auch die Auftragseingänge der Industrie: Nachdem sie zu Quartalsbeginn deutlich zurückgegangen waren, legten sie im Mai deutlich, um mehr als drei Prozent, zu. Angesichts der hohen Auftragsbestände nannten es Volkswirte gestern "merkwürdig", dass der Außenhandel im Mai schwächelte.

Die deutschen Ausfuhren sanken im April saisonbereinigt um 0,7 Prozent, die Importe um 3,6 Prozent, teilten die Bundesstatistiker gestern mit. Auch wenn sich Bankvolkswirte wie die der Commerzbank von den schwachen Außenhandelsdaten überrascht zeigten, entdeckten sie einen positiven Aspekt: "Durch den Einbruch der Importe hat sich der Außenhandelsüberschuss weiter erhöht". Damit zeichne sich für das zweite Quartal ein deutlich positiver Wachstumsbeitrag vom Außenhandel ab. Insgesamt, darin sind sich Volkswirte mehrheitlich aber einig, passten die Zahlen zu einem Quartal, in dem die wirtschaftliche Dynamik Tempo einbüßte.

Das Statistische Bundesamt gibt Mitte August erste amtliche Daten für das vergangene Quartal bekannt.

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