Handelsblatt-Frühindikator bricht ein
2003 – ein Jahr ohne Wachstum für Deutschland

Die deutsche Konjunktur dürfte im Herbst noch weiter an Fahrt verlieren – das ist die Botschaft des Handelsblatt-Frühindikators. Das Barometer, das dem deutschen Wirtschaftswachstum um drei Monate voraus läuft, ist im Juli eingebrochen. Im Oktober dürfte das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) in gleitender Jahresrate nur noch um 0,1 Prozent wachsen. Für Juni bis September signalisiert der Indikator ein Plus von 0,4 Prozent.

HB DÜSSELDORF. Die Hoffnungen auf einen Aufschwung in der zweiten Jahreshälfte sind damit dahin: „Bis zum Herbst ist keine Konjunktur-Erholung in Sicht“, sagt Ulrich van Suntum. Der Ökonomie-Professor an der Universität in Münster hat den Indikator konzipiert und berechnet ihn monatlich. Für van Suntum ist das Jahr 2003 konjunkturell so gut wie abgeschrieben: „Nennenswertes Wachstum ist im laufenden Jahr kaum noch zu erreichen.“ Die Misere hat mehrere Ursachen: Die Inlandsnachfrage ist weiterhin schwach – und die Exportwirtschaft leidet unter der Aufwertung des Euros gegenüber dem US-Dollar.

Frühindikator West: >>Tabellen

Konjunkturbarometer Ost: >>Tabellen

Diese Analyse deckt sich mit der Einschätzung führender Wirtschaftsforschungsinstitute, die für das Gesamtjahr Stagnation oder gar ein leichtes Schrumpfen der Wirtschaftsleistung prognostizieren. Erst am Dienstag hatte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) seine Prognose zum Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Deutschland für dieses Jahr auf einen Rückgang um 0,1 % zurückgeschraubt. Zuvor hatten die Berliner Wirtschaftsforscher ein Plus von 0,6 % erwartet.

Die Ökonomen des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in München dagegen sehen die Konjunktur nach dem Anstieg des Ifo-Geschäftsklima-Indexes im Juli derzeit im Umbruch. Sie erwarten, dass sich die deutsche Wirtschaft im zweiten Halbjahr – wenn auch schleppend – erholt und rechnen für das Gesamtjahr mit Stagnation statt mit einer Rezession. Die von Ifo befragten Unternehmen hatten vor allem die künftige Entwicklung besser eingeschätzt – die aktuelle Lage beurteilten sie dagegen kaum positiver.

Eine Unbekannte bei den aktuellen Wachstumsprognosen sind die Auswirkungen des Vorziehens der Steuerreform. Wird die Aussicht auf eine Steuersenkung die Verbraucher zu höheren Ausgaben verleiten? Diese Frage kann auch der Frühindikator nicht beantworten. Denn die Daten, die in den Indikator einfließen, stammen aus den Monaten April bis Juni.

Ulrich van Suntum ist skeptisch: Die Steuersenkungen dürften den Konsum nicht nachhaltig stimulieren, meint er. Denn die übrigen Perspektiven seien schlecht: Die Gesundheitskosten steigen, die Renten stagnieren und Eigenheimzulage sowie die Pendlerpauschale stehen vor der Kürzung.

Die Aussichten für Ostdeutschland haben sich nicht wesentlich verbessert – auch wenn das Ostbarometer, der Indikator für die Entwicklung in den neuen Ländern, im Juli leicht gestiegen ist. Das Barometer deutet dennoch weiterhin auf ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung im Osten.

Die Komponenten des Handelsblatt-Frühindikators:

  • Die

    Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe

    (Gewicht: 42 %) haben sich von ihrem Einbruch im März nur leicht erholt. Im April stiegen sie zwar um 1,5 %, blieben damit aber je 1 % unter dem Niveau des ersten Quartals und des Vorjahres. Nachdem die Inlandsnachfrage seit einem Jahr praktisch stagniert, ist nun auch die Dynamik der Exportnachfrage fast zum Erliegen gekommen.
  • Die

    Nachfrage im Bauhauptgewerbe

    (Gewicht: 18 %) stieg im April um 0,9 % und ist damit nach wie vor schwach. Sie unterschritt sogar noch den überaus niedrigen Wert des ersten Quartals um 1,1 % – und das trotz des im April recht guten Wetters. Möglicherweise beschert aber der Boom bei den Baugenehmigungen im ersten Quartal – sie stiegen wegen der Diskussion um die Kürzung der Eigenheimzulage im Jahresvergleich um 37 % – der Branche eine Zwischenerholung.
  • Die

    Einzelhandelsumsätze

    (Gewicht: 11 %) habe sich im April mit +0,4 % gegenüber März leicht stabilisiert – vor allem wegen der anziehenden Nachfrage nach Autos. Im übrigen blieb die Nachfrage weiterhin schwach.
  • Die

    Ifo-Geschäftserwartungen

    im gesamtdeutschen verarbeitenden Gewerbe (Gewicht 8 %) stiegen im Juni zum zweiten Mal in Folge auf –4,9 Punkte nach –8,4. Der Optimismus nahm sowohl im Westen wie auch im Osten zu. Die Exporterwartungen haben sich allerdings gesamtdeutsch von 0,0 auf -1,0 Punkte eingetrübt – eine Folge des starken Euros.
  • Die

    ZEW-Konjunkturerwartungen

    (Gewicht: 21 %) haben sich im Juni zum sechsten Mal in Folge verbessert und signalisieren, dass Kapitalmarktexperten die Konjunktur optimistischer einschätzen. Das Barometer stieg von 18,7 Punkten im Mai auf 21,3 im Juni. Von seinem Tief im Dezember aus hat sich der Index nun um rund 21 Zähler verbessert. Das ist vergleichsweise bescheiden – ein ähnlicher Anstieg wurde im Februar 2002 Jahres während eines Monats erreicht.
  • Definition gleitende Jahresrate:

    Der Handelsblatt-Frühindikator zeigt Konjunkturwenden rund drei Monate im Voraus an. Referenzgröße ist das Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts. Um Saisoneinflüsse auszuschalten, wird es als gleitende Jahresrate berechnet. Das ist die Veränderung der letzten vier Quartale gegenüber den vorherigen vier Quartalen.
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