Harte Konjunktur-Daten erhalten ein größeres Gewicht: Genauer und selbstlernend – der neue Handelsblatt-Frühindikator

Harte Konjunktur-Daten erhalten ein größeres Gewicht
Genauer und selbstlernend – der neue Handelsblatt-Frühindikator

Das vergangene Jahr war kein gutes Jahr für die Konjunktur – aber auch nicht für die Konjunktur-Prognostiker. Selten zuvor lagen sie mit ihren Vorhersagen so weit daneben wie 2002. Gerade Stimmungsbarometer wie das Ifo-Geschäftsklima und der ZEW-Konjunkturtest – normalerweise zuverlässige Frühindikatoren – führten die Prognostiker diesmal gewaltig in die Irre.

MÜNSTER. Beide Stimmungsbarometer waren von ihrem Tiefpunkt im Oktober 2001 bis zum Juni 2002 steil angestiegen. Sie signalisierten einen geradezu überschäumenden Optimismus der befragten Unternehmen und Finanzmarktexperten. Die harten Konjunktur-Daten bestätigten die Hoffnungen aber diesmal in keiner Weise. Mit einem Wachstum von nur 0,2 % lief das vergangene Jahr noch weit schlechter als 2001 mit 0,6 %. Deutschland schrammte nur knapp an einer Rezession vorbei. Warum, ist im nachhinein weitgehend klar: Eine Kette unglücklicher Umstände würgte den erhofften Aufschwung ab, bevor er richtig in Gang kam – der schlimmste Börsencrash seit 1929, steigende Abgabenlasten, hohe Tarifabschlüsse und eine konzeptionslose Wirtschaftspolitik.

Trotzdem müssen sich die Prognostiker fragen, warum alle bewährten Frühwarn-Instrumente diesmal versagt haben. Auch der Handelsblatt-Frühindikator für Deutschland war betroffen – denn in seiner bisherigen Fassung hatten allein die Ifo-Geschäftserwartungen ein Gewicht von 41 %. Bislang schien dieser hohe Einfluss gerechtfertigt – die Ifo-Daten liefen dem tatsächlichen Wirtschaftswachstum zuverlässig voraus. Die jüngsten Erfahrungen gebieten allerdings, harten Indikatoren wie Auftragseingängen und Einzelhandelsumsätzen wieder mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

Die neue Version des Handelsblatt-Frühindikators folgt diesem Grundgedanken: Realwirtschaftliche Daten haben nun mit gut 70 % ein größeres Gewicht als bisher mit gut 50 %. Im einzelnen gibt es vier entscheidende Neuerungen:

  • Neben den Ifo-Geschäftserwartungen fließt nun auch der ZEW- Konjunkturtest in den Indikator ein. Die seit Anfang der 90er-Jahre vom Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim erhobene Umfrage unter führenden Finanzanalysten läuft der Konjunktur noch etwas stärker voraus als die Ifo-Daten – vor allem an unteren Wendepunkten. Dafür sind die auf Unternehmensbefragungen basierenden Ifo- Zahlen auf kurze Sicht etwas zuverlässiger. Der Handelsblatt-Indikator kombiniert nun beide führenden Stimmungsindikatoren für Deutschland. Damit optimiert er deren Aussagekraft für den angepeilten Prognose-Horizont von drei bis sechs Monaten.


  • Die Zinsdifferenz wurde komplett aus den Einzelgrößen entfernt. Sie war in jüngerer Zeit als vorlaufende Variable immer unzuverlässiger geworden.


  • Die Gewichte der Einzelgrößen, die in den Indikator eingehen, haben sich deutlich zugunsten der harten Konjunkturdaten verschoben. Auftragseingänge und Einzelhandelsumsätze laufen zwar der Konjunktur nicht ganz so weit voraus wie die Stimmungsindikatoren – dafür sind sie aber im Zweifel näher an der Realität. Die neuen Gewichte beziehen sich wie bisher auf gesamtdeutsche, saisonbereinigte Größen. Sie sind Ergebnis sorgfältiger ökonometrischer Berechnungen mit dem Ziel, die Treffsicherheit des Handelsblatt-Frühindikators zu optimieren. Zugleich sind sie aber auch in hohem Maße plausibel und ausgewogener als bisher.


  • Der neue Handelsblatt-Frühindikator ist selbstlernend. Anders als bisher nutzt das Barometer auch die Informationen der tatsächlichen Wachstumsentwicklung für die künftigen Vorhersagen. In der Vergangenheit wurden die Wachstumsrate des BIP der Indikator-Prognose nur zur Kontrolle gegenübergestellt. Sie beeinflusste aber nicht den weiteren Verlauf. Nun korrigieren Abweichungen zwischen der Indikator-Aussage und den tatsächlichen Wachstum die künftigen Prognosewerte. Lag der Indikator zum Beispiel wie zuletzt für das vergangene Quartal zu hoch, senkt sich die Prognose für die folgenden Quartale automatisch ab. Zudem ergibt sich die Quartalsprognose des Indikators nicht mehr wie bisher einfach aus seinem Mittelwert im jeweiligen Vorquartal. Sie wird vielmehr jetzt mit Hilfe eines aufwendigeren Verfahrens errechnet, das auf der Entwicklung des Frühindikators im Vorjahresvergleich beruht.


Insgesamt verspricht der weiterentwickelte Handelsblatt-Frühindikator eine noch höherer Prognosegüte. Wie schon in der Vergangenheit, zeigt er das Wachstum etwa ein Quartal im voraus an. Während der Indikator bislang nur Wendepunkte frühzeitig anzeigen sollte, hat er nun auch eine große Treffsicherheit für die Höhe der Wachstumsrate. Nach wie vor ist die gleitende Jahresrate des realen Bruttoinlandsprodukts in Deutschland die Referenz. Der neue Indikator sagt sie mit einer Fehlertoleranz von durchschnittlich weniger als 0,5 Prozentpunkten vorher.

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