Höhere Dynamik zu Jahresbeginn fraglich
Handelsblatt-Indikator: Euro-Konjunktur fehlt der Schwung

Die Chancen, dass sich die Konjunkturerholung in der Euro-Zone zu Beginn des kommenden Jahres beschleunigt, sinken. Dies signalisiert der Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator im November. Er hat zum zweiten Mal in Folge nachgegeben und liegt jetzt bei 1,4 Prozent nach 1,5 Prozent im Oktober und 1,6 Prozent von Juli bis September. Der Indikator läuft der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung etwa drei Monate voraus.

ari/HB DÜSSELDORF. Die Stagnation des Handelsblatt-Indikators in den Sommermonaten wies nach Ansicht von Ulrich van Suntum, Ökonomie-Professor in Münster, bereits darauf hin, dass die Konjunkturdynamik im Euro-Raum zum Stillstand gekommen sei. „Der aktuelle Rückgang könnte nunmehr sogar auf das baldige Ende des Aufschwungs hindeuten“, sagt van Suntum. Er hat die Handelsblatt-Indikatoren entwickelt und betreut sie regelmäßig.

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Die jüngsten Konjunkturdaten, die in den Indikator einfließen, stützen seiner Ansicht nach nicht den Optimismus, wie er beispielsweise im Herbstgutachten zum Ausdruck kommt. Danach wird sich das Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone 2005 leicht von 1,9 auf zwei Prozent beschleunigen. Zu gleichen Ergebnissen kommt die Oktober-Umfrage der Europäischen Zentralbank (EZB) unter ihren regelmäßig befragten Experten. Wie aus dem gestern veröffentlichten EZB-Monatsbericht für November hervorgeht, wurde die Wachstumsprognose für 2004 sogar um einen Zehntelprozentpunkt nach oben gehoben. Umgekehrt setzten die Experten im Mittel ihre Vorhersagen für 2005 und 2006 mit zwei bzw. 2,2 Prozent um jeweils 0,1 Prozentpunkte herab. Im Gegensatz dazu erwartet das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW), dass sich das Wachstum 2005 abflacht. Der Handelsblatt-Indikator stützt diese Skepsis. Die aktuelle Voraussage des Indikators für 2004 liegt mit 1,6 Prozent sogar noch etwas niedriger als die Erwartung des IfW (1,9 Prozent).

Ein Dämpfer kam am Donnerstag auch von den ersten Wachstumszahlen für das dritten Quartal. Deutschland und die Niederlande verzeichneten mit 0,1, bzw. 0,2 Prozent jeweils 0,2 Prozentpunkte niedrigere Wachstumsraten gegenüber dem zweiten Vierteljahr als erwartet. In Spanien und Belgien waren die Raten mit 0,6 und 0,8 Prozent zwar kräftig. Dennoch bestehen nun Zweifel, dass das Bruttoinlandsprodukt in der Euro-Zone im dritten Quartal noch um 0,4 Prozent gestiegen ist, wie das Bankvolkswirte bisher annahmen. Eine erste Schätzung wird heute veröffentlicht.

Die EZB selbst war bisher von einer Beschleunigung des Wachstums in der zweiten Hälfte dieses Jahres ausgegangen. Im neuen EZB-Monatsbericht wird das zweite Halbjahr ausgeklammert. Die Volkswirte der Notenbank setzen nun darauf, dass trotz „uneinheitlicheren Signalen“ der Konjunkturindikatoren es 2005 zu einem „anhaltenden Wirtschaftswachstum“ kommt.

Allerdings, zeigen Produktion und Auftragseingänge bei der Industrie im Trend bereits seit Mitte dieses Jahres nach unten. Das Verbrauchervertrauen hat sich zuletzt wieder eingetrübt. Die EZB selbst geht davon aus, dass der private Verbrauch – Hoffnungsträger im Herbstgutachten – im dritten Quartal „wohl nicht zugenommen hat“. „Insgesamt ist das Stimmungsbild noch zu differenziert und fragil, um daraus große Hoffnungen für den Fortgang des Aufschwungs schöpfen zu können“, kommentiert van Suntum.

Das Industrievertrauen (Gewicht 15 Prozent) verbesserte sich im Oktober weiter von minus drei auf minus zwei Punkte. Seinen langjährigen Durchschnittswert überschreitet es inzwischen reichlich: um fünf Prozentpunkte. Trotz deutlich verbesserter Auftragslage trübten sich die Produktionserwartungen der Unternehmen jedoch wieder. Das Konsumentenvertrauen (Gewicht 15 Prozent) fiel im Oktober überraschend von minus 13 auf minus 14 Punkte zurück. Ohnehin liegt es noch immer unter seinem langjährigen Mittelwert. Besonders deutlich war der Rückschlag in Deutschland, wo vor allem die Furcht vor Arbeitslosigkeit zunahm. Die Industrieproduktion (Gewicht 25 Prozent) nahm im August gegenüber dem Vormonat um 0,6 Prozent ab. Zudem wurde der ursprüngliche Juli-Zuwachs auf 0,2 Prozent halbiert. Zuletzt brach vor allem die Gebrauchsgüterproduktion mit minus 2,6 Prozent ein. Die Geldmenge M1 (Gewicht 30 Prozent) wuchs im September mit 9,7 Prozent wieder schneller nach 9,2 Prozent im August. In den Monaten zuvor hatte sich dagegen eher ein Abbau des hohen Geldmengenüberhangs abgezeichnet. Auch das Wachstum der weiter abgegrenzten Geldmenge M3 beschleunigte sich von 5,6 auf sechs Prozent. Konjunkturell wirkt dies expansiv, jedoch wachsen gleichzeitig die Inflationssorgen. Die Inflationsrate (Gewicht 15 Prozent) sank im September auf 2,1 Prozent von 2,3 Prozent in den beiden Vormonaten. Für den Oktober prognostiziert das Statistikamt Eurostat dagegen eine starke Beschleunigung auf 2,5 Prozent, vorwiegend wegen des hohen Ölpreises. Definition: Der Handelsblatt-Eurokonjunktur-Indikator soll frühzeitig Wendepunkte der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung anzeigen und läuft ihr etwa drei Monate voraus. Referenzgröße ist das reale Bruttoinlandsprodukt der Euro-Zone in gleitender Jahresrate. Das ist die Veränderung in den vergangenen vier gegenüber den vorherigen vier Quartalen.

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