Konjunktur-Optimismus erscheint überzogen
Der Aufschwung kommt frühestens 2004

Die Hoffnungen auf ein schnelles Ende der Konjunktur-Schwäche in Deutschland sind aller Wahrscheinlichkeit nach übertrieben – das ist die traurige Botschaft des Handelsblatt-Frühindikators im August. Das Barometer läuft der Wirtschaftsentwicklung etwa drei Monate voraus und signalisiert: Im Spätherbst verliert die Konjunktur weiter an Fahrt.

HB DÜSSELDORF. Zum ersten Mal seit Jahresbeginn rutschte der Indikator im August sogar wieder in den negativen Bereich. Im November dürfte die Wirtschaftsleistung damit um 0,1 % (in gleitender Jahresrate, Definition siehe rechts) schrumpfen – im Oktober wird sie laut Indikator noch um 0,1 % wachsen.

„Eine Konjunkturerholung noch in diesem Jahr erscheint nahezu ausgeschlossen“, kommentiert Ulrich van Suntum. Der Ökonomie-Professor an der Universität Münster hat den Indikator konzipiert und berechnet ihn monatlich. „Die offizielle Regierungsprognose von 0,75 % Wachstum muss inzwischen als reiner Phantasiewert bezeichnet werden.“ Für das zweite Quartal signalisiert der Indikator ein Wachstum von 0,5 % in gleitender Jahresrate – zwischen Juli und September dürfte es aber auf 0,3 % zurückgehen.

Gesamtdeutscher Frühindikator: >>Tabellen

Konjunkturbarometer Ost: >>Tabellen

Der Handelsblatt-Frühindikator zeigt deutlich: Der derzeit aufkeimende Konjunktur-Optimismus in Deutschland beruht ausschließlich auf dem Prinzip Hoffnung. Zwar blicken Unternehmer und Finanzmarktprofis derzeit von Monat zu Monat optimistischer in die Zukunft – die „harten“ Konjunktur-Daten wie die Industrie- und Bauproduktion oder die Auftragseingänge zeigen aber weiter hartnäckig nach unten. Das Handelsblatt-Barometer bündelt beide Arten von Indikatoren und zeichnet daher ein deutlich weniger rosiges Bild als die reinen Stimmungsindikatoren.

Damit ähnelt die derzeitige Konjunktur-Lage frappierend dem Frühjahr 2002. Auch damals stiegen Stimmungsbarometer wie das Ifo-Geschäftsklima und der ZEW-Konjunkturtest – damit nährten sie große Hoffnungen auf einen deutlichen Aufschwung. In der Realität allerdings trat diese Erholung nicht ein. Im Nachhinein sprechen Volkswirte von einer „Erwartungsblase“. Der Handelsblatt-Frühindikator weist auf die Gefahr hin, dass sich die Situation jetzt wiederholen könnte.

„Würde man wie früher den Stimmungsumfragen vertrauen, müsste man spätestens seit Juli in Deutschland den Aufschwung ausrufen“, betont van Suntum. Schließlich sind die Ifo-Geschäftserwartungen in der Industrie im Juli den dritten, die ZEW-Konjunkturerwartungen sogar den siebten Monat in Folge gestiegen. Für diesen Optimismus allerdings gebe es derzeit „noch keine sichtbare Grundlage in den harten Konjunkturdaten“, warnt der Münsteraner Ökonom.

Auch in den neuen Bundesländern gibt es derzeit kaum Licht am Ende des Tunnels: Dort befindet sich die Wirtschaft im August weiter im Rückwärtsgang, zeigt das Handelsblatt-Ostbarometer, ein gleichlaufender Konjunktur-Indikator für die neuen Länder. Die Wirtschaftsleistung dürfte demnach wie im Juli um 1,5 % schrumpfen.

Die fünf Komponeneten des Frühindikators im Einzelnen:

  • Die Auftragseingänge im Verarbeitenden Gewerbe (Gewicht: 42 %) sanken im Mai um 2,6 % gegenüber April. Sie liegen damit auf dem niedrigsten Stand seit eineinhalb Jahren. Die Nachfrage ging auf breiter Front zurück. Besonders drastisch war das Minus bei den Aufträgen aus dem Ausland (–5,1 %). Aber auch die Inlandsnachfrage sank um 0,3 % und zeigt damit keine Dynamik.
  • Die Nachfrage im Bauhauptgewerbe (Gewicht 18 %) brach im Mai um 3,4 % ein, nachdem sie zuvor drei Monate auf der Stelle trat. Bis auf den stagnierenden Tiefbau mussten alle Baubereiche Nachfragerückgänge hinnehmen. Damit ist das zweite Quartal bisher noch schlechter gelaufen als das ohnehin katastrophale erste Vierteljahr – und Besserung scheint nicht in Sicht.
  • Die Einzelhandelsumsätze (Gewicht 11 %) sanken im Mai um 1,5 % und lagen damit exakt wieder auf dem niedrigen Stand vom Dezember 2002. Die zuletzt wieder leicht erholte Kfz-Nachfrage konnte die Umsatzrückgänge in den übrigen Bereichen diesmal anders als im April nicht wettmachen.
  • Die Ifo-Geschäftserwartungen im gesamtdeutschen Verarbeitenden Gewerbe (Gewicht 8 %) stiegen im Juli zum dritten Mal in Folge. Der Saldo der positiven und der negativen Stimmen blieb aber mit -0,3 nach -4,0 Punkten immer noch leicht im roten Bereich. Trotz der Euro-Aufwertung haben sich aber auch die Exporterwartungen leicht verbessert. Sie stiegen von 0,1 auf 0,7 Saldopunkte.
  • Die ZEW-Konjunkturerwartungen für Deutschland (Gewicht 21 %) sind im Juli sprunghaft von 21,3 auf 41,9 Saldopunkte angestiegen – laut ZEW wegen der steigenden Aktienkurse und den „Fortschritten in der Reformdiskussion“. Definition: Der Handelsblatt-Frühindikator soll frühzeitig Wendepunkte der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung anzeigen und läuft ihr etwa drei Monate voraus. Referenzgröße ist die gleitende Jahresrate des realen Bruttoinlandsprodukts. Das ist die Veränderung in den vergangenen vier gegenüber den vorherigen vier Quartalen.
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