Neuer Handelsblatt-Barclays-Indikator
Wachstum verliert an Fahrt

Die Konjunktur in Deutschland verliert an Fahrt: Der neue Handelsblatt-Barclays-Indikator und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung sagen übereinstimmend voraus, dass das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes im zweiten Quartal geringer ausfallen wird als im ersten. Dafür verantwortlich ist vor allem ein Wirtschaftssektor.

noh/doh/HB DÜSSELDORF. Der Handelsblatt-Barclays-Indikator deutet darauf hin, dass das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) im gerade auslaufenden zweiten Quartal nur mit einer Rate von 0,3 Prozent wächst nach 0,5 Prozent im vorangegangenen Quartal. Damit wäre das deutsche Wachstum zum zweiten Mal in Folge geringer als das Wachstum im Euro-Raum, das Barclays Capital auf 0,5 Prozent taxiert.

Dass die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal Tempo einbüßt, hat vor allem eine Ursache: die unerwartet schwache Industrieproduktion. Das produzierende Gewerbe in Deutschland hat im April 2,3 Prozent weniger erzeugt als im Vormonat. Das war nicht nur der erste Rückgang seit fünf Berichtsmonaten, sondern zugleich der stärkste seit sieben Jahren. Dieser Einbruch der Industrieproduktion ist aus Sicht von Barclays-Experte Nick Matthews vor allem auf den Brückentag vor dem ersten Mai zurückzuführen. Auch wenn im Mai wieder mit einem kräftigen Produktionszuwachs zu rechnen sei, werde die Industrieproduktion im Gesamtquartal wohl schwächer ausfallen als zuvor. Barclays Capital rechnet mit einem Anstieg um etwa 0,3 Prozent gegenüber den 1,8 Prozent im ersten Vierteljahr.

Das Barometer, das die Investmentbank Barclays Capital exklusiv für das Handelsblatt berechnet, quantifiziert das Wirtschaftswachstum in dem Quartal, für das jeweils noch keine offiziellen Daten vorliegen. Das Statistische Bundesamt veröffentlicht eine vorläufige Wachstumsrate rund sechs Wochen nach Ablauf des Quartals. Der Handelsblatt-Barclays-Indikator zielt darauf ab, das endgültigen Quartalsergebniss vorauszuschätzen – nicht den Wert der ersten offiziellen Veröffentlichung. „Das ist ein bedeutender Unterschied, da es in Deutschland eine Tendenz zu Aufwärtsrevisionen gibt“, sagt Julian Callow, Europa-Chefvolkswirt von Barclays, der den Indikator mit seinem Team entwickelt hat.

Der neue Indikator löst den Handelsblatt-Frühindikator ab, der das etwas weniger ambitionierte Ziel hatte, Wendepunkte frühzeitig zu erkennen. Die konkrete Prognose bezog sich nicht auf ein einzelnes Quartal, sondern auf einen gleitenden Durchschnitt über vier Quartale.

DIW ist ein wenig optimistischer

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sagte am Montag voraus, dass das BIP in der Bundesrepublik im zweiten Quartal nur noch um 0,4 Prozent zulegen wird. Im Mai hatten die Experten noch eine Beschleunigung auf 0,6 Prozent prognostiziert. Produktion und Neuaufträge in der Industrie hätten im April jedoch jeweils deutlich nachgegeben. Am Bau werde die Abschwächung geringer sein.

Aufwärts gehe es hingegen im Einzelhandel und bei Gaststätten. Hier gebe es erste Anzeichen einer Erholung von der Mehrwertsteuerdelle zur Jahresbeginn. Die Umsätze blieben aber immer noch deutlich unter dem Niveau vom Jahresende 2006. Als generelle Warnung wollten die DIW-Experten ihre gesenkte Prognose nicht verstanden wissen: „Insgesamt setzt die deutsche Volkswirtschaft damit unverändert ihren Aufwärtstrend fort“, hieß es im Konjunkturbericht.

Unternehmen sind zuversichtlich

Die Zuversicht des DIW deckt sich mit den Ergebnissen der Frühjahrsumfrage des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). Das Bonner Institut für Mittelstandsforschung befragt im Auftrag des BDI halbjährlich kleine und mittelgroße Betriebe zu ihren Geschäftsaussichten. Aktuell nahmen daran über 1 000 Firmen teil. Knapp 64 Prozent schätzen ihre zukünftige Lage als gut bis sehr gut ein. Nur 7,7 Prozent der Firmen sind pessimistisch.

„Der Aufschwung ist nicht nur im Mittelstand angekommen, er wird von ihm getragen“, sagte der Chef des BDI-Mittelstandsausschusses, Arndt Kirchhoff. Inzwischen investierten nicht mehr nur exportorientierte Firmen, sondern auch auf den heimischen Markt fokussierte Betriebe. Mehr als jedes dritte Unternehmen wolle 2007 mehr investieren und neue Arbeitsplätze schaffen.

Unzufrieden ist der Mittelstand mit dem Reformtempo der großen Koalition. „Rund 70 Prozent der befragten Mittelständler fordern, dass die Bundesregierung mehr Gas bei den Reformen gibt“, sagte Kirchhoff. Besonders kritisch sieht der Mittelstand die Steuerpolitik von Union und SPD.

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