Handelsblatt-Interview
„Viele kleine Banken wanken“

EZB und US-Notenbank wissen seinen Rat zu schätzen: Richard Koo gilt als Experte für Finanzkrisen. Im Handelsblatt-Interview warnt der japanische Starökonom vor wachsenden Bedrohungen durch die internationale Fianzkrise, hält geldpolitische Instrumente gegenwärtig für wirkungslos und glaubt, dass nur große staatliche Ausgabenprogramme die wirtschaftspolitischen Probleme lösen können.

Handelsblatt: Herr Koo, welche Auswirkungen wird die US-Finanzmarktkrise auf die Weltwirtschaft haben?

Koo: Ich denke, es wird viele negative Überraschungen geben, weil dies keine normale Rezession wird, sondern eine Bilanzrezession. In einer Bilanzrezession bemühen sich die Teilnehmer, vor allem ihre Bilanzen zu reparieren, und nicht, ihren Gewinn zu maximieren.

Wo liegt das Problem?

Was auf individueller Ebene das richtige Verhalten ist, produziert das Gegenteil des ursprünglichen Ziels, wenn es alle gleichzeitig machen. Wir werden in den USA sehen, dass alle Banken versuchen, ihre Bilanzen zu reparieren. Aber wenn das alle gleichzeitig machen, werden wir eine schlimme Kreditklemme erleben. Dann kann die Bilanzbereinigung nicht gelingen. Bei den Haushalten ist es ähnlich. Viele haben mit steigenden Immobilienpreisen gerechnet und immer weniger gespart. Sie müssen nun ihre Sparrate erhöhen. Das wird der Wirtschaft zusätzlich schaden – und die Einkommenssituation der Haushalte verschlechtert sich.

Wird das Problem auf die Kreditinstitute in den USA und Europa beschränkt bleiben, die schon hohe Verluste erlitten haben?

Nein. Auch in Europa gibt es Immobilienblasen, vor allem in Großbritannien und Spanien. Wir bekommen es mit einer transatlantischen Bilanzrezession zu tun, die nicht schön wird.

Der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, sieht bereits den Anfang vom Ende der Krise. In Ihrem Buch sagen Sie, die Hypothekenmarktkrise sei in der Lage, sich zu einer Kernschmelze der Weltwirtschaft zu entwickeln.

Ich respektiere Herrn Ackermann sehr. Das Ende der Probleme für die Deutsche Bank ist nicht notwendigerweise das Ende der Probleme für die Gesamtwirtschaft. Einige starke Banken können ihre Kapitalprobleme und die kommenden Probleme mit faulen Krediten recht schnell lösen. Trotzdem werden viele kleinere Banken ins Wanken geraten – in den USA genau wie in Deutschland. Sie werden durch die Phase der Reparaturarbeiten gehen. Sie werden ihre Kreditvergabe einschränken.

Lässt sich ein Konjunktureinbruch noch verhindern?

Viel hängt von der Reaktion der Regierungen ab. Sie können mit ihren Werkzeugen das Schlimmste verhindern. Japan hat nach dem Platzen einer Immobilienblase im Jahr 1989 eine ähnliche Rezession durchgemacht. Die Summe der uneinbringlichen Kredite, die die japanischen Banken zwischen 1990 und 2006 abschrieben, betrug 100 Billionen Yen. Das entspricht etwa einer Billion Dollar – also genau dem Betrag, auf den der Internationale Währungsfonds die Subprime-Verluste schätzt. Aber das japanische Bruttoinlandsprodukte stürzte nicht ab. Wir hatten zwar sehr lange nur wenig Wachstum. Aber die Wirtschaftsleistung fiel in all den Jahren nie unter den Wert, den sie auf dem Höhepunkt der Investmentblase erreicht hatte.

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