Haushaltssanierung
Die Griechen suchen neues Wachstum

Beim Aufbau eines neuen Geschäftsmodells für die Zeit nach der Schuldenkrise übersieht Griechenland bisher eine große Chance: die Nachbarschaft zur dynamisch wachsenden Türkei. Die internen Strukturreformen hat die Regierung entschlossen angepackt. Sie sollten die Wettbewerbsfähigkeit des Landes bessern.
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DÜSSELDORF/ATHEN. Griechenland blickt nach Nordwesten. Das Schicksal des Landes, so sehen es die Eliten des Landes seit Jahrzehnten, entscheidet sich in Brüssel. Von dort kommen die Subventionen und Strukturförderhilfen der EU, dort fiel die Entscheidung, die Griechen in die Europäische Währungsunion aufzunehmen, von dort fließen nun Milliardenhilfen, um das Land aus dem Finanzschlamassel zu ziehen.

Mit den Partnern in der EU treibt Griechenland den meisten Handel, allen voran mit Deutschland. Doch viele von ihnen haben ähnliche Herausforderungen wie Griechenland, wenn man es langfristig betrachtet. Es sind wachstumsschwache Länder mit schrumpfenden Bevölkerungen und hohen Staatsschulden.

Besser sollte das strukturschwache Land am Südostrand der EU darum den Blick nach Osten wenden, schlägt der renommierte Wirtschaftswissenschaftler Bert Rürup in seiner Länderanalyse für das Handelsblatt vor. Dort, am anderen Ufer der Ägäis, liegt ein aufstrebendes, dynamisch wachsendes Land, dem Griechenland bisher den Rücken zudreht: Die Türkei. Nur vier Prozent der griechischen Ausfuhren gehen zum Nachbarn, der damit auf Platz acht der Exportziele liegt. Unter den zehn bedeutendsten Importländern taucht die Türkei erst gar nicht auf. "Das ist so, als ob sich Österreich von Deutschland abschotten würde", schüttelt Rürup den Kopf.

Der Grund für die mangelnden wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen den Ägäis-Anrainern ist der seit Jahrhunderten schwelende politische Konflikt, der sich schon mehrfach in Kriegen entlud. Er ist auch der Grund dafür, dass Griechenland sich, gemessen an der Wirtschaftsleistung, die zweithöchsten Militärausgaben der Nato leistet. Sie betragen mehr als drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Nur die Weltmacht USA investiert mehr in die Streitkräfte. Angesichts der desolaten Lage der Staatsfinanzen sind solche Militärausgaben in Griechenland nicht haltbar.

Nicht nur die wirtschaftliche Dynamik spricht also für eine Annäherung an die Türkei, auch die dringend erforderliche Sanierung der Staatskassen. Ministerpräsident Giorgos Papandreou weiß das. Er hat als Außenminister schon 1999 Annäherungsversuche an die Türkei mit der Hoffnung auf ein Ende des ruinösen Wettrüstens begründet. Seither werden die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen auch ganz allmählich intensiver. Ein Zeichen dafür war 2006 die Übernahme der türkischen Finansbank durch die National Bank of Greece.

IWF und EU verpflichten Griechenland zu tiefgreifenden Strukturreformen

Die Türkei könnte eine wichtige Rolle in dem dringend benötigten neuen Geschäftsmodell für die griechische Wirtschaft spielen. Doch es bleibt noch ein sehr weiter Weg zu gehen, wie die Handelsbilanz der beiden Länder zeigt.

Auch die EU und der Internationale Währungsfonds (IWF) sehen die Griechen am Beginn eines langen Weges. Darum spielen Strukturreformen in dem Programm, das sie mit der griechischen Regierung als Gegenleistung für das Rettungspaket vereinbart haben, eine ebenso große Rolle wie die Sanierung des Haushalts.

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Kommentare zu " Haushaltssanierung: Die Griechen suchen neues Wachstum"

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  • @hallo Deutschland
    Komisch, dass Sie mit keinem Wort erwähnen, dass türkische Kampfjets völlig unbewaffnet in "ungeklärtes" Lufthoheitsgebiet fliegen, wohingegen griechische F-16 stets mit voller bewaffnung patrolieren und türkische Jets mit aktivierten Waffensystemen ins Visier nehmen! Mittlerweile haben die Türken eingesehen, dass Griechenland keine bedrohung mehr darstellt/darstellen kann. Türken öffnen sich vielmehr und bieten Hilfe an. Die Griechen müssen nur über ihren langen Schatten springen dies annehmen.

  • ZUSAMMEN SiND WiR QUARK !
    Dachte erst, schreibe hier einfach "Rürup hat nen Knall". Aber das wäre ja unhöflich.
    Wie man einäugig auch beidseitig sehen kann erschließt sich mir nicht. Darf man noch an einen
    G
    E
    N
    O
    C
    i
    D
    an Armeniern erinnern, der bis heute geleugnet wird?
    Die Vorbehalte Griechenlands sind doch wohl eher geneigt Verständnis für eine evtl. Aufrüstung zu haben. Wer es besser verstehen möchte möge sich folgenden Literaturtip angezeigt sein lassen. Das buch heißt: "M i d d l e s e x". Lesen und verstehen.

  • ich gebe meinen "sympatriotes" Recht: Es ist in Deutschland erschreckend wenig bekannt über das nahezu tägliche Säbelrasseln im griechischen Luftraum mit Kampf-Jets durch die Türkei. Hierbei geht es nicht um umstrittene Lufthoheitsgebiete, die mich zu falschen Angaben verleiten könnten: Es geht um tatsächliche Lufthoheitsverletzungen, die international aus diplomatischen Gründen nicht von EU, USA, China und anderen Machtfaktoren aus Rücksicht auf die Türkei als ökonomischen und militärischen Partner ignoriert werden. Für die Griechen jedoch ist es ein klares Signal, dass sich die Tükei den Casus belli für den Fall des Vollzugs internationalen Seerechts durch Griechenland vorbehält. Diese bedenken sollten durch die europäischen Partner ernstgenommen und diskutiert werden. Die Türkei ist durchaus in der Lage, militärisch minimal gegen Griechenland vorzugehen und dabei einen überproportionalen Gewinnen herauszuschlagen. Solche bewaffneten Konflikte werden vor dem Hintergrund der Multipolarisierung der progredienten Welt und dem Autoritätsverfall alter Weltmächte immer wahrscheinlicher. Um mich korrekt auszudrücken, ich halte so ein Szenario für mittel- bis langfristig denkbar (in den nächsten 20-50 Jahren), falls die Türkei nicht stärker in den europäischen Staatenverbund eingebunden wird. Daher plädiere ich für faire beitrittsverhandlungen und auch für eine EU-Vollmitgliedschaft der EU.

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