Herbstgutachten: Wirtschaftsforscher fordern Zinssenkung

Herbstgutachten
Wirtschaftsforscher fordern Zinssenkung

Die schwache Konjunktur in der Eurozone und große Risiken der Schuldenkrise treiben die deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute um. In ihrem Herbstgutachten fordern sie von Politik und Notenbank klare Entscheidungen.
  • 17

Wegen des Konjunktureinbruchs im Euroraum raten die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute der EZB zu einer Zinssenkung. Die wirtschaftliche und monetäre Analyse der Lage und der Aussichten für den Euroraum sprächen dafür, den Schlüsselzins von 1,5 auf 1,0 Prozent zu senken, schrieben die Institute in ihrem am Donnerstag vorgelegten Herbstgutachten.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte die Zinsen in diesem Jahr im Kampf gegen die anziehende Inflation zwei Mal erhöht. Trotz der aufkommenden Rezessionssorgen hielt sie den Schlüsselzins Anfang des Monats konstant. Da aber nach Aussage des scheidenden EZB-Chefs Jean-Claude Trichet das Für und Wider einer Zinssenkung bereits eingehend besprochen wurde, schließen Experten eine geldpolitische Lockerung in den nächsten Monaten nicht aus.

Die Wirtschaftsforscher sehen Deutschland im Gegensatz zu 2008 zwar nicht vor einer Rezession, schließen diese Gefahr aber ausdrücklich nicht aus. Banken und Versicherungen mit griechischen Staatsanleihen müssten zwar mit Einbußen rechnen, „eine Ansteckung in dem Ausmaß wie nach der Insolvenz von Lehman Brothers ist aber wenig wahrscheinlich“. Sollte sich die Staatsschuldenkrise jedoch weiter zuspitzen, werde das europäische Finanzsystem erneut ins Wanken geraten, so die Experten. Dies würde Auswirkungen auch auf nichtfinanzielle Unternehmen haben. Die deutsche Konjunktur würde dann stärker als erwartet gedämpft, so dass es zu einer Rezession käme.

Kritik übten die Wirtschaftsexperten am Euro-Krisenmanagement der Politik. Sie fordern, endlich einheitliche Verfahren für den Umgang mit Staats- und Bankenpleiten durchzusetzen.

Wirtschaftsforscher streiten über Anleihekäufe der EZB

Auch die Praxis der EZB, Staatstitel von Schuldenländern aufzukaufen, wird in dem Gutachten laut: „Die Mehrheit der Konsortien sieht in dem fortgesetzten Kauf von Staatsanleihen durch die EZB eine Überdehnung ihres Mandats.“ Dies gelte auch für andere unkonventionelle Maßnahmen. So akzeptiere die EZB Staatsanleihen Griechenlands, Portugals und Irlands trotz fehlender Bonität als Sicherheiten für Refinanzierungsgeschäfte.
Mit ihrer unkonventionellen Geldpolitik verletze die Zentralbank „bisher gültige, zentrale geldpolitische Prinzipien“.

Zudem habe die EZB bisher nicht überzeugend argumentieren können, dass ihr Handeln unabweisbar gewesen sei, um einen Kollaps des Finanzsystems zu verhindern. „All dies hat die Berechenbarkeit und die bisher sehr hohe Glaubwürdigkeit der EZB beschädigt“, urteilte die Mehrheit der Institute.

Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle, das mit Kiel Economics eine Bietergemeinschaft innerhalb der sogenannten Gemeinschaftsdiagnose bildet, widerspricht dieser Meinung allerdings: „Nach Ansicht des Konsortiums ergibt sich die Notwendigkeit für die Staatsanleihekäufe aus einer akuten Bedrohung der Stabilität des europäischen, möglicherweise sogar des weltweiten Banken- und Finanzsystems.“

Da die schuldenbeladenen Eurozonen-Kernländer Italien und Spanien im Sommer ins Visier der Märkte geraten waren, hatte die EZB ihr Ankaufprogramm für Staatsanleihen wiederbelebt und damit die Zinskosten der beiden Südländer de facto gedrückt.

Wirtschaftsforscher und EZB richten sich auf Wachstumsdelle ein

Mittlerweile hat sie für mehr als 160 Milliarden Euro Staatstitel von Schuldenländern in ihren Büchern. Kritiker laufen Sturm gegen diese Käufe in der Grauzone zwischen Geld- und Fiskalpolitik. Die EZB hofft laut Vizepräsident Vitor Constancio darauf, diese Geschäfte einstellen zu können, sobald der Europäische Rettungsfonds (EFSF) mit den nötigen Kompetenzen zum Ankauf der Schuldenpapiere ausgestattet ist.

Wie bereits berichtet revidieren die Forschungsinstitute ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum in Deutschland deutlich nach unten. Die Ökonomen erwarten nach 2,9 Prozent im laufenden Jahr dann nur noch einen Zuwachs beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 0,8 Prozent.

Hauptgründe für den Wachstumseinbruch sind die Auswirkungen der Schuldenkrise und die weltweite Konjunkturabkühlung. Im Frühjahr hatten die Experten für 2012 noch ein Wachstum von 2,0 Prozent vorhergesagt. Auf dem Arbeitsmarkt geht das deutsche „Jobwunder“ aber weiter. Im nächsten Jahr werde die Arbeitslosenquote im Jahresschnitt auf 6,7 Prozent sinken (2011: 7,0).

Auch die EZB äußert sich in ihrem Monatsbericht pessimistisch. Das Wachstum des Euroraums werde vermutlich „sehr moderat“ ausfallen. Ausschlaggebend seien unter anderem die schwächere globale Nachfrage und die Schuldenkrise im Währungsraum. Zudem verweist die Notenbank auf ungünstigere Finanzierungsbedingungen. Die Wachstumsrisiken seien damit weiter nach unten gerichtet, während die Inflationsgefahren in etwa ausgeglichen seien. Damit bekräftigt die EZB jüngste Äußerungen ihres Präsidenten Jean-Claude Trichet.

Arbeitnehmer können mit kräftigen Lohnerhöhungen rechnen

Die Teuerungsrate (Inflation) soll laut Herbstgutachten nach durchschnittlich 2,3 Prozent (2011) im nächsten Jahr auf 1,8 Prozent sinken.

Trotz des schwachen Wirtschaftswachstums im kommenden Jahr wird die Arbeitslosigkeit weiter zurückgehen. Die Institute erwarten für dieses Jahr im Jahresschnitt knapp unter drei Millionen Arbeitslose, 2012 werden dann noch gut 2,8 Millionen Menschen ohne Job sein.

Die Beschäftigten können auch im Abschwung auf kräftige Lohnerhöhungen hoffen. Die tariflichen Stundenlöhne dürften um
2,5 Prozent zulegen und damit stärker als in diesem Jahr mit 1,8 Prozent. „Die Lohn- und Gehaltsrunde 2011 ist weitgehend abgeschlossen, mit vielen Vereinbarungen, die auch das
Jahr 2012 betreffen“, schrieben die Institute.

Die Gemeinschaftsdiagnose wurde von vier Konsortien von Wirtschaftsforschungsinstituten erstellt, zu dem das Münchner Ifo-Institut, das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW), das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) und das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) beteiligt.
Sie dient der Bundesregierung als Grundlage für ihre eigene Konjunkturprognose am 20. Oktober. Diese Zahlen wiederum sind die Basis für die Steuerschätzung November und damit für die weitere Ausgabenplanung.

Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) betonte bereits, die deutsche Wirtschaft bleibe trotz der erwarteten Konjunkturflaute ein „Stabilitäts- und Wachstumsanker“ in Europa. „Hierzu tragen neben der hohen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft die nach wie vor positive Entwicklung am Arbeitsmarkt und die soliden öffentlichen Finanzen bei“, erklärte Rösler.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik

Kommentare zu " Herbstgutachten: Wirtschaftsforscher fordern Zinssenkung"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Die Inflation wird zu einem erheblichen Teil durch höhere Rohstoffkosten und insbesondere durch erhöhte Energiekosten angetrieben, wie man hier auch im HB nachlesen kann.

    Zinssenkungen und damit weitere zukünftige Geldentwertung sind daher nicht sinnvoll, eher noch kontraproduktiv.

  • Der Leitzins IST seit Jahren extrem niedrig. Die EZB ist eben nicht die FED, der Euro nicht die Weltleitwährung und es fehlen große Investoren wie China. Folglich kommt es in Europa bei einer Zinssenkung viel schneller zur Inflation.

  • Ohne Spaß, so ist es. Billiges Geld allein verführt nur zur Zockerei. Soll etwa in etwas investiert werde, was es schon zur Genüge gibt?

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%