Hilmar Schneider im Interview
„Kurzarbeit droht nutzlos und teuer zu werden“

Kurzarbeit kann zu einem "ziemlich teuren Instrument" werden, warnt Hilmar Schneider. Der Direktor für Arbeitsmarktpolitik am Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) erklärt im Gespräch mit Handelsblatt.com, warum außerdem massive Mitnahmeeffekte zu erwarten sind und warum die Regierung gezwungen sein könnte, Arbeitsmarktreformen teilweise zurückzunehmen.

Herr Schneider, die Bundesagentur für Arbeit (BA) behauptet, die Kurzarbeit koste deutlich weniger Geld als Arbeitslosigkeit: Für einen Arbeitslosen müsse sie 1 500 Euro im Monat aufwenden, für einen Kurzarbeiter 590 Euro, also rund 900 Euro weniger. Sind solche Berechnungen plausibel?

Solche Berechnungen gehen von der impliziten Hypothese aus, dass Kurzarbeit Arbeitslosigkeit verhindert. Das ist allerdings eine gewagte Spekulation. Fakt ist, dass niemand weiß, wie viel Arbeitslosigkeit mit Kurzarbeit verhindert wird. Wenn es gelingt, durch Kurzarbeit Entlassungen zu verhindern, ist es tatsächlich ein effektives Instrument. Wenn durch Kurzarbeit der Eintritt der Arbeitslosigkeit nicht verhindert, sondern nur hinausgezögert wird, dann ist es nicht nur ein nutzloses, sondern obendrein auch noch ein ziemlich teures Instrument. Dann zahlt die BA nämlich nicht nur die 1.500 Euro pro Arbeitslosigkeitsmonat, sondern zuvor auch noch 590 Euro pro Monat für die Zeit der Kurzarbeit.

Auf welches Ausmaß von Kurzarbeit muss sich Deutschland denn einstellen?

Die Zahl der Anzeigen über bevorstehende Kurzarbeit war zuletzt zwar stark rückläufig, aber immer noch auf einem außerordentlich hohen Niveau. Es ist daher zu erwarten, dass die Kurzarbeit auch in den kommenden Monaten noch zunimmt. Die ursprünglich von der BA für 2009 erwartete Zahl von jahresdurchschnittlich 300.000 Kurzarbeitern dürfte dabei deutlich überschritten werden.

Halten Sie es für richtig, die Verlängerung des Kurzarbeitergeldes auf bis zu 24 Monate als ein "soziales Konjunkturprogramm" zu bezeichnen, wie es Mitglieder der Bundesregierung getan haben?

Entscheidend ist nicht die Bezeichnung, sondern die Wirkung. Meine Befürchtung ist, dass die Verlängerung in Verbindung mit dem gleichzeitig beschlossenen Erlass der Sozialabgaben die Gefahr von Mitnahmeeffekten drastisch erhöht. Im Extremfall können Unternehmen, die keine Chance haben, die aktuelle Krise zu überstehen, ihre Mitarbeiterschaft zwei Jahre lang vollständig auf Kosten der BA halten, bevor sie sie in die offene Arbeitslosigkeit entlassen. Die sind dann zwar für einen relativ langen Zeitraum einigermaßen gut abgesichert, aber ob das sozial ist, steht auf einem anderen Blatt. Aus der Vergangenheit wissen wir, dass großzügige Absicherung über einen langen Zeitraum die Hauptursache für die Entstehung von Langzeitarbeitslosigkeit ist. Die psychischen und sozialen Schäden für die Betroffenen sind enorm.

Wie wird denn nach Ihrer Einschätzung die Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt am Jahresende und nach dem Auslaufen von Kurzarbeit aussehen?

Es ist schwer vorherzusagen, in welchem Umfang die Unternehmen von der nun geschaffenen Möglichkeit Gebrauch machen werden, Beschäftigte bis zu 24 Monaten fast kostenlos zu halten. Die meisten Beobachter gehen jedoch davon aus, dass es in der zweiten Jahreshälfte für viele Unternehmen zum Schwur kommt. Wenn sich bis dahin kein Ende der Talfahrt abzeichnet, werden sie sich in größerem Umfang von ihren Mitarbeitern trennen müssen. Dann erst werden wir in Deutschland begreifen, welches Ausmaß diese Krise tatsächlich besitzt. Massiver Stellenabbau bedeutet nämlich auch massiver Ausfall bei den Beiträgen zur Sozialversicherungen, was wiederum die sozialen Sicherungssysteme vor enorme Herausforderungen stellen wird. Was in anderen Ländern mit einer stärker kapitalgedeckten Altersvorsorge längst in Form von drastischen Wertverlusten spürbar ist, wird sich dann in Deutschland unvermeidlich in Form von Rentenkürzungen niederschlagen.

Die Bundesregierung hat gerade eine Rentengarantie ausgesprochen?

Ich halte die Festlegung der Politik, dass es in Zukunft keine Rentenkürzungen geben wird, für sehr gewagt. Die Kürzungen wird es geben. Da hilft überhaupt kein Wunschdenken.

Dennoch fordern einige Stimmen, die Rente mit 67 zurückzunehmen. Eine gute Idee?

Die Rente mit 67 ist gerade in der Krise richtiger denn je. Schließlich mildert sie die zunehmenden Belastungen für Beitragszahler, die durch die steigende Lebenserwartung entstehen. Die aktive Zeit im Job wird verlängert und damit die Spanne, in der Leistungen beansprucht werden können, verkürzt. Das ist meines Erachtens noch die sozial verträglichste Form des Ausgleichs zwischen Beitragszahlern und Leistungsbeziehern. Andernfalls müssten die Beitragszahler höhere Summen entrichten. Aber höhere Beitragssätze bedeuten letztlich höhere Arbeitskosten - und das zerstört die Wurzel, die einen nährt.

Eigentlich wurde Deutschland mit seinem umlagefinanzierten Sicherungssystem zuletzt als altmodisch belächelt?

Jetzt zeigen sich die Vorteile. Wer nach Großbritannien oder nach Irland schaut, der kann dort einen massiven Wertverlust registrieren, den die Menschen in der privaten Altersvorsorge erfahren. Häuser sind nichts mehr wert, Vermögenswerte wie Aktien haben dramatisch an Wert verloren. Einige Bürger wissen gar nicht mehr, wovon sie im Alter leben sollen. Alternativen gibt es dort keine.

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