Hiobsbotschaften
Britische Konjunktur verdüstert sich rapide

Die britische Wirtschaft produziert fast täglich Hiobsbotschaften. Am Dienstag illustrierten neue Daten den immer rascheren Niedergang des Häusermarktes. Die Aussicht auf die belebende Wirkung weiterer Zinssenkungen schwindet. Nun richten sich alle Augen auf Notenbankchef Mervyn King, der heute seinen vierteljährlichen Inflationsbericht vorlegt.

LONDON. Die Häuserpreise in Großbritannien sinken jetzt auf so breiter Basis wie seit mindestens dreißig Jahren nicht mehr. Das ergab die monatliche Umfrage des Instituts der Immobiliensachverständigen (RICS). Jede Region und fast alle Mitglieder meldeten fallende Preise. Ein so düsteres Bild habe es seit der ersten Umfrage im Januar 1978 nie gegeben.

Volkswirte, die vor Monaten noch stritten, ob die Hauspreise überhaupt fallen würden, diskutieren nun, wie tief der Einbruch sein wird. George Buckley von der Deutschen Bank rechnet mit einem Minus von zehn Prozent. Andere Ökonomen erwarten noch deutlichere Korrekturen. Der Konsens, dass die britischen Hauspreise wegen des Nachfrageüberhangs auf der Insel per se stabiler seien als in den USA, bröckelt.

Zwar ist die Nachfrage weiterhin vorhanden, doch immer weniger Briten bekommen von den Banken die Hypothekenkredite für den Kauf einer neuen Wohnung. Das habe das Geschäft seit Ostern noch einmal drastisch reduziert, klagte gestern die Baufirma Galliford Try. Sie gab eine Gewinnwarnung heraus. Bei Konkurrent Redrow haben sich die Reservierungen für Neubauten im Jahresvergleich glatt halbiert.

Der schwache Häusermarkt und steigende Hypothekenbelastungen schlagen auf den Konsum durch: Der Einzelhandelsumsatz sank nach Angaben des Branchenverbandes BRC im April auf unveränderter Fläche um 1,5 Prozent und damit im zweiten Monat in Folge. Konsum und Immobilienmarkt haben in Großbritannien einen erheblich höheren Anteil an der Wirtschaftsleistung als etwa in Deutschland.

Die größte Überraschung war gestern allerdings, dass die Preise im April um 0,8 Prozent im Monatsvergleich stiegen. Das hat es seit sieben Jahren nicht gegeben. Die Inflationsrate kletterte von 2,5 auf 3,0 Prozent. Das bedeutet, dass Notenbankchef King nun in einem Brief an den Schatzkanzler Alistair Darling erläutern muss, warum die Inflationsrate um einen vollen Prozentpunkt von ihrem Ziel abweicht.

Morgen hat King Gelegenheit, seine Einschätzung der Wirtschaftslage zu erläutern. Volkswirte werden seine Worte auf Hinweise durchleuchten, wie die Geldpolitiker den Balanceakt zwischen Inflation und Rezessionsgefahr meistern wollen.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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