Historischer Tiefstand
US-Leitzins touchiert Nulllinie

Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) hat am Dienstag erneut eine kräftige Zinssenkung vorgenommen und den Leitzins auf ein historisches Tief von nahezu null herabgesetzt. In einer ungewöhnlichen Maßnahme senkte sie den Zins von zuvor 1,0 Prozent in eine "Zielzone" zwischen null und 0,25 Prozent.

NEW YORK. Die Entscheidung fiel einstimmig. Ökonomen hatten im Vofeld nur mit einem Zinsschritt von 0,5 Prozent gerechnet. Die Börsen reagierten positiv auf die Nachricht und bauten ihre Tagesgewinne unmittelbar nach der Entscheidung deutlich aus.

Die Fed betonte, dass die Zinsen angesichts der schwachen US-Wirtschaft für einige Zeit auf diesem "außergewöhnlich niedrigen Niveau" bleiben werden. Notenbankchef Ben Bernanke werde "alle zur Verfügung stehenden Werkzeuge nutzen, um Wachstum zu unterstützen und die Preisstabilität zu wahren", teilte die Fed mit. Die US-Notenbank hat den Leitzins damit innerhalb von nur 16 Monaten um mehr als fünf Prozentpunkte heruntergeschraubt, um die Wirtschaft zu stützen und den förmlich eingefrorenen Kreditmarkt auftauen zu können. Sie hat in den vergangenen Wochen zudem in beispielloser Weise Liquidität ins Bankensystem sowie in die Wirtschaft gepumpt. Trotzdem hält die Finanzkrise an, und die größte Volkswirtschaft der Welt steckt seit vielen Monaten in einer tiefen Rezession. Prognosen, wonach das Bruttoinlandsprodukt der USA im laufenden Schlussquartal um fünf Prozent schrumpfen könnte, gelten inzwischen sogar als konservatives Szenario. Für das erste Quartal 2009 rechnen führende Ökonomen mit einem erneuten Minus von etwa drei Prozent. Jüngster Beleg für die massiven Probleme in den USA: Die Investmentbank Goldman Sachs wies für das abgelaufene Quartal einen Verlust von 2,1 Mrd. Dollar aus. Für das erfolgsverwöhnte Finanzhaus, das seit Jahren als Goldstandard an der Wall Street gilt, war es der erste Verlust seit dem Börsengang vor zehn Jahren.

Mit der neuerlichen Zinssenkung hat die Fed ihr Pulver nahezu verschossen. "Uns geht die traditionelle Munition zur Bekämpfung der Rezession aus", räumte gestern auch der designierte US-Präsident Barack Obama ein. Finanzexperten erwarten, dass die Notenbank fortan auf weitere Aufkaufprogramme für Teile des Kreditmarktes ausweichen wird. "So kann sie auf Bereiche zielen, die wirklich Hilfe und Liquidität brauchen", sagte Frederic Mishkin, der bis Ende August im Gouverneursrat der Fed saß und jetzt an der Columbia Universität lehrt. Vorbild für solche Aktionen könnte die von der Fed Ende November beschlossene Term Asset-Backed Securities Loan Facility (TALF) sein. Unter dem Talf-Programm leiht die Fed solchen Banken bis zu 200 Mrd. Dollar, die Kredite an Privatkunden und Kleinbetriebe ausgeben. Als Sicherheit nimmt sie diese in Anleihen (ABS) verpackten Kredite in ihre Bücher. So soll der ABS-Markt aufgetaut und die Versorgung dieser Zielgruppen mit Krediten sichergestellt werden. "Solche Programme wird es demnächst mehr geben", sagte Mishkin. Dabei dürfte sich die Bilanzsumme der Fed, die im Zuge der Krise bereits von 900 Mrd. auf 2,2 Billionen Dollar gestiegen ist, weiter ausweiten. "Die Fed befindet sich im Krieg mit einem gefährlichen Feind", begründete Mishkin die außergewöhnlichen Maßnahmen.

Mit der Strategie, Geld zu drucken und die eigene Bilanz künftig als Hauptwerkzeug zur Bekämpfung der Rezession einzusetzen, betreibt die Fed eines der mutigsten Experimente ihrer 94-jährigen Geschichte. Die Angst ist verbreitet, dass diese vor Jahren in Japan vorexerzierte Strategie zu einer Ausweitung der Geldmenge und damit zu einer verstärkten Inflation führen könnte. Viele Ökonomen sagen inzwischen aber eine negative Inflationsrate für 2009 voraus, die Deutsche Bank etwa rechnet mit minus 0,4 Prozent. In der Deflation führt ein Teufelskreis von sinkender Nachfrage, sinkenden Gewinnen, rückläufiger Kreditvergabe sowie steigender Arbeitslosigkeit zu immer weiteren Preisrückgängen.

Die neuerliche Lockerung der Geldpolitik führte gestern zu deutlichen Abschlägen beim Dollarkurs. Er sank nach der Fed-Mitteilung auf knapp 1,40 Dollar je Euro. Die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihe fiel auf den niedrigsten Stand seit 1954.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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