Hohe Erwartungen
Indien wächst rasant – und riskant

Noch boomt die Wirtschaft in Indien. Doch Experten betrachten die momentane Entwicklung zunehmend skeptisch und fordern politische Reformen.

NEU DELHI. Indien ist der Sprung auf ein höheres Wachstumsniveau gelungen. Im ersten Quartal stieg das Bruttoinlandsprodukt im Vergleich zum Vorjahr um 9,3 Prozent. Damit nähert sich Indien zweistelligen Wachstumsraten und damit dem Ziel der Mitte-Links-Regierung an. Die seit 2004 amtierende Regierung hat die Latte deutlich höher gelegt als ihre rechtskonservativen Vorgänger, die acht Prozent Wachstum anvisiert hatten. Diese Marke hat Indien im Finanzjahr 2005/2006, das bis Ende März lief, bereits übertroffen: die indische Wirtschaft expandierte um 8,4 Prozent. Im Schnitt der vergangenen 15 Jahre waren es noch sechs Prozent.

Ob diese Wachstumsbeschleunigung von Dauer ist, gilt allerdings unter einer zunehmenden Zahl von Volkswirten als umstritten. Steigende Zinsen, hohe Ölpreise, ein aufklaffendes Leistungsbilanzdefizit und eine schleppende Liberalisierung könnten das Wachstum unter acht Prozent drücken.

„Um das derzeitige Tempo zu halten, sind mehr Reformen nötig“, gibt Finanzminister Palaniappan Chidambaram zu. Ihn sorgt die Stagnation der Bergbau- und Elektrizitätsbranche. Ohne deren Belebung drohen dem Land noch größere Energie-Engpässe. Doch Reformer wie Chidambaram und Regierungschef Manmohan Singh können sich gegen den linken Flügel der eigenen Kongresspartei und deren kommunistische Partner kaum durchsetzen. Privatisierungen und Subventionskürzungen stocken, die Öffnung von Branchen wie Kohlebergbau für Auslandsinvestoren lahmt, und weder eine Rentenreform noch eine Lockerung des Kündigungsschutzes scheinen realisierbar.

Dass Indien boomt, obwohl sich das Investitionsklima nicht verbessert, verdankt das Land vor allem einer Belebung der Landwirtschaft: Sie legte im Vorjahr um 3,9 Prozent zu, nachdem sie zuvor um 0,7 Prozent gewachsen war. Der zudem kräftige Konsum wird stark über Kredite finanziert. Firmen liehen sich im Vorjahr 30 Prozent mehr Kapital bei den Banken, Verbraucher 40 Prozent.

Doch die goldene Zeit niedriger Zinsen, hoher Kapitalzuflüsse und starken Konsums könnte bald zu Ende sein. „Steigende Zinsen werden das kreditfinanzierte Wachstum bremsen“, warnt Morgan Stanley-Volkswirt Chetan Ahya. Sollte die Regierung nicht mehr als bisher in die Infrastruktur investieren, rechne er in den kommenden anderthalb Jahren mit einem Wachstum von nur noch 6,5 Prozent.

Seite 1:

Indien wächst rasant – und riskant

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%