"Ich bin nicht immun gegen Kritik“
Duisenberg warnt vor Verletzung des Stabilitätspaktes

Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Wim Duisenberg, zu Höhen und Tiefen seiner Amtszeit und zur Vertrauenswürdigkeit von Stabilitätspakt und Geldpolitik.

Handelsblatt: Herr Duisenberg, was war die schwierigste Situation in Ihrer Amtszeit?

Duisenberg: Als der Euro seinen Tiefpunkt erreicht hatte. Ich erntete unsagbar viel Kritik, woran ich zwar gewöhnt bin. Trotzdem: Ich bin nicht immun gegen Kritik, auch wenn ich das nicht zeige.

Was war der glücklichste Moment?

Das ist schwierig. Es gab viele befriedigende Augenblicke. Einer war die Einführung des Euros am 1. Januar 2002. Ich habe sie im Fernsehen verfolgt. Ich hatte Einladungen von zwölf Ländern. Aber eine Zusage hätte elf Absagen bedeutet. Außerdem hätte ich den Glanz geschmälert, der an diesem Tag zu Recht auf die Finanzminister und Notenbankgouverneure der Teilnehmerstaaten fiel. Zufriedenheit habe ich auch empfunden, als der Euro nach seiner Talfahrt wieder stieg und ganz besonders, als er die Parität zum Dollar überschritt – obwohl das für mich überhaupt kein Ziel an sich war.

Was ist das Wichtigste, das Sie gelernt haben?

Extrem vorsichtig zu sein in dem, was ich tue, sage und wie ich es sage. Als ich zur EZB kam, hatte ich 16 Jahre Erfahrung als Zentralbankgouverneur. Wenn ich damals etwas Falsches sagte, krähte kein Hahn danach. In meiner jetzigen Position zählt sogar die Körpersprache. Ich bin mit der Zeit zurückhaltender geworden. Denn wann immer ich mich äußere, hat das Auswirkungen auf die Märkte.

Sind Sie persönlich mit dem zufrieden, was Sie als EZB-Präsident geleistet haben?

Sehr zufrieden. Wir haben einen Prozess gestartet, der in der Welt ohne Beispiel war und auch noch nicht abgeschlossen ist: erst für elf und dann für zwölf Länder und über 300 Millionen Europäer eine gemeinsame Währung zu schaffen. Der Euro war in kürzester Zeit vollkommen akzeptiert. Seit Beginn der Währungsunion liegen die Inflationserwartungen zwischen 1,7 und 1,9 Prozent. Das zeigt, dass wir das Vertrauen der Menschen gewonnen haben, dass wir glaubwürdig sind.

Sie sprechen von „wir“...

Ich möchte betonen, dass ich das genauso meine. Ohne überheblich klingen zu wollen – nach außen bin ich das Gesicht der Zentralbank, ebenso wie Alan Greenspan das der amerikanischen Notenbank ist. Aber wir wissen beide, dass wir die Entscheidungen nicht alleine treffen, sondern ein Team. Ich bin sehr zufrieden, dass es uns gelungen ist, ein Team zu bilden – zunächst aus den Gouverneuren der zwölf nationalen Notenbanken und dem Direktorium, zunehmend nach und nach aber auch aus der gesamten Belegschaft des Eurosystems.

Für was wird man Sie in Erinnerung behalten?

Schwer zu sagen. Ich glaube, man wird sich an mich als den Schöpfer des Euros erinnern. Das ist nicht ganz gerecht, weil daran sehr viele beteiligt waren. Aber so wird es wohl kommen. Außerdem müssen sich die Leute für die nächsten zehn Jahre meine Unterschrift auf den Banknoten ansehen.

Sind Sie mit der Stabilität des Euros im Inneren zufrieden?

Die Antwort ist ja. Wir haben Europa gegeben, was wir versprochen hatten. Unser Mandat ist es, Preisstabilität im Euro-Raum zu gewährleisten, und wenn diese gegeben ist, die anderen wirtschaftlichen Ziele der Union zu unterstützen. Während der vergangenen fünf Jahre lag die Inflationsrate manchmal über zwei Prozent und wir haben entschieden, nicht zu reagieren, weil Sonderfaktoren wirkten. Die Inflationsrate ist immer wieder auf zwei Prozent zurückgefallen, wo sie auch jetzt wieder ist.

Und wie ist es mit dem Außenwert des Euros?

Mit dem aktuellen Wechselkurs bin ich durchaus zufrieden. Er hält sich schon eine ganze Weile zwischen 1,12 und 1,14 Dollar. Er ist manchmal ein wenig volatil, weil jede Nachricht aus Europa, den USA oder Japan kurzfristige Auswirkungen auf den Wechselkurs haben kann. Aber das hält sich in Grenzen. Ich kann allerdings nicht leugnen, dass ich ziemlich besorgt war, als der Euro immer neue Tiefstände erreichte, die für mich nicht mehr im Einklang mit den wirtschaftlichen Fundamentaldaten standen. Die Abwärtsbewegung ging zu weit, sie schien eine Eigendynamik zu gewinnen, und wir wollten sie stoppen. Was uns gelungen ist.

Sie haben oft vor den Ungleichgewichten in der Weltwirtschaft gewarnt. Was könnten diese für den Euro und die Stabilität der Finanzmärkte bedeuten?

Ich hoffe sehr, dass der Einfluss gering ist. Das größte Ungleichgewicht ist das Leistungsbilanzdefizit der USA. Ein Leistungsbilanzdefizit von 500 Mrd. Dollar und fast fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes ist auf Dauer nicht tragbar. Es muss korrigiert werden. Das kann über die Menge oder über den Preis, in diesem Fall den Wechselkurs, geschehen. Wahrscheinlich wird es beides sein. Bei der Menge hat Europa ein Problem: Es fehlt an Wachstum. Die USA haben Wachstum, und wir können nur hoffen, dass sie es nicht wegen ihres Leistungsbilanzdefizits dämpfen werden. Andererseits könnte das Anpassungen über den Wechselkurs nach sich ziehen.

Den südostasiatischen Ländern wird vorgeworfen, mit ihrer Wechselkurspolitik den Abbau der Ungleichgewichte zu erschweren. Teilen Sie diese Meinung?

Die südostasiatischen Staaten, einschließlich China, sind zur Zeit weltweit die wachstumsstärkste Region. Nahezu alle diese Länder haben ihren Wechselkurs an den Dollar gebunden. Das heißt, dass Europa und ein paar kleinere Länder die gesamte Anpassungslast tragen müssen, wenn der Dollar-Kurs fällt. Ich würde es vorziehen, wenn diese Last gleichmäßiger verteilt wäre.

Wie könnte das erreicht werden?

Indem diese Länder ihre Wechselkurspolitik ändern. Ich sage nicht, dass sie ihren Wechselkurs freigeben sollten. Sie könnten beispielsweise ihre Währungen an einen Korb aus Dollar, Euro und Yen binden. Man müsste allerdings sehr vorsichtig vorgehen. Denn in diesen Ländern ist das Finanz- und Bankensystem nicht so stabil wie in Europa. Es darf nicht darauf hinaus laufen, dass ihnen noch größere Probleme entstehen, als sie ohnehin schon haben.

In jedem Fall bedeutet der Abbau der Ungleichgewichte aber doch eine weitere Aufwertung des Euros. Können wir damit leben?

Aus diesem Grund hoffe ich, dass sich die Anpassung sehr allmählich vollzieht. Dann können wir damit leben.

Es gibt Stimmen, die warnen, dass von Derivaten eine Gefahr für die Stabilität der Finanzmärkte ausgehe. Stimmt das?

Ich meine nein. Natürlich müssen wir lernen. Es werden immer wieder neue Finanzinstrumente entwickelt. Das ist ganz normal. Diese Finanzinstrumente helfen, weltweit das Kapital in die produktivsten Verwendungen zu lenken. Allerdings zeigen Fälle wie LTCM, dass solche Märkte beaufsichtigt werden müssen.

Genügt die Aufsicht derzeit?

Ich denke schon. Exzesse lassen sich nie ganz verhindern, nicht mit dem engmaschigsten Netz von Regeln. Es kann immer eine Organisation geben, die die Regeln verletzt.

Wie steht es mit dem befürchteten Domino-Effekt?

Darüber möchte ich nicht spekulieren. Das ist immer ein Problem.

Was möchten Sie denen ins Stammbuch schreiben, die nach Ihnen für die Geldpolitik verantwortlich sind?

So weiterzumachen wie während der vergangenen fünf Jahre. Das gilt für das Direktorium ebenso wie für den EZB-Rat. Ich bin sicher, sie werden genau das tun. Im EZB-Rat sitzen 18 unabhängige Menschen mit persönlicher Verantwortung. Wir haben eine Kultur außerordentlich guter Kooperation entwickelt. Besonders in geldpolitischen Entscheidungen haben wir gelernt, unsere nationale Herkunft zu vergessen und eine europäische Perspektive einzunehmen. Daran wird sich auch künftig nichts ändern.

Was raten Sie der EZB, wie sie mit der Politik umgehen soll?

Ich erwarte auch hier, dass der EZB-Rat unseren bisherigen Kurs beibehält, vor allem mit Blick auf den Stabilitäts- und Wachstumspakt. Offiziell ist die EU-Kommission die Hüterin des Paktes. Er bietet einen Rahmen für zwölf autonome Finanzpolitiken und ersetzt mehr oder weniger eine einheitliche europäische Finanzbehörde. Darum sind wir froh, ihn zu haben. Wir sind vor und hinter den Kulissen überaus aktiv, um den Pakt zu schützen und die Regierungen zu veranlassen, ihn einzuhalten.

Ist der Pakt derzeit nicht gefährdeter denn je?

Ich glaube nicht, dass der Pakt gefährdet ist. Vergessen Sie nicht, dass acht der zwölf Länder, die sich dazu bekannt haben, ihr Versprechen schon erfüllt haben. Diese acht werden die anderen vier nicht so einfach davonkommen lassen. Außerdem läuft nur Frankreich Gefahr, das Defizitkriterium zum dritten Mal in Folge zu verletzen. Portugal bemüht sich sehr. Deutschland unternimmt sein Äußerstes, das Defizit im kommenden Jahr auf unter drei Prozent zu begrenzen.

Kommt Deutschland als dem Initiator des Paktes nicht eine besondere Verantwortung zu?

Deutschland hat in der Tat eine besondere Verantwortung. Die Regierung nimmt diese Verantwortung wahr. Dafür bin ich dankbar.

Trotzdem haben Sie unlängst davor gewarnt, dass die Beschädigung des Paktes die Glaubwürdigkeit der institutionellen Grundlagen der Währungsunion gefährden würde. Was könnte das im schlimmsten Fall bedeuten?

Ich glaube, dazu wird es nicht kommen. Ich bin Optimist. Aber es wäre schlecht für die Glaubwürdigkeit der EU, der Währungsunion und auch des Landes, das die Regeln bricht. Die Staats- und Regierungschefs haben geschworen, den Pakt zu achten. Wenn ein Land ihn wiederholt verletzt, muss man sich fragen, welche Rolle dieses Land in der europäischen Politik künftig spielen will. Wer ist schon bereit, mit einem Partner noch Verträge zu schließen – egal in welchem Bereich –, wenn dessen Zuverlässigkeit in Zweifel steht? Diese Frage wird zunehmend gestellt.

Die jüngste Erfahrung hat gelehrt, dass Europa weit davon entfernt ist, vereint zu sein. Wo sehen Sie die Zukunft Europas?

In einer immer engeren Gemeinschaft der Völker. Die europäische Integration vollzieht sich nicht stetig, sondern in Schüben. Die Einrichtung des Binnenmarktes war ein solcher Schub, dann die Entscheidung für den Euro. In der Geldpolitik haben wir zwölf Länder integriert. Zehn weitere werden der EU beitreten. Sie wollen alle den Euro einführen. Das wird zwar nicht von heute auf morgen gehen, aber die Integration weiter voran bringen.

Sollte Europa mehr Verantwortung in der Welt anstreben?

In der Geldpolitik haben wir genug Verantwortung. Ich wünsche mir nicht mehr Verantwortung oder Macht für Europa, sondern weniger Teilung. Zurzeit scheinen wir – sichtbar für die Außenwelt – auf verschiedenen Feldern der Politik in unterschiedliche Richtungen zu laufen. Was wir brauchen, ist der politische Wille, auch nach außen hin vereint zu sein. Ich persönlich wünsche mir zutiefst, dass wir ihn aufbringen.

Sind Sie mit dem Entwurf für die neue EU-Verfassung zufrieden?

Ja, insoweit, als er unsere Statuten im Wesentlichen unverändert lässt. Trotzdem haben wir einige Verbesserungsvorschläge. Wir sähen gerne das Ziel der „Preisstabilität“ wie bisher unter den Zielen der Union aufgeführt. Es erscheint erst in einem späteren, weniger wichtigen Teil der Verfassung. Außerdem plädieren wir für die Anerkennung des „Eurosystems“, also der EZB und der zwölf nationalen Notenbanken, als Gruppe. Der Begriff wird in der Praxis häufig benutzt, erscheint aber nicht im Vertrag. Das kann zu Missverständnissen führen.

Glauben Sie, dass ihre Änderungswünsche noch berücksichtigt werden?

Das weiß ich nicht.

Viele Politiker und Wissenschaftler scheinen zunehmend eine Vorliebe für eine diskretionäre, also fallweise Politik zu entwickeln. Ist das eine Modeerscheinung? Wohin führt das?

Ich glaube, dass wir am Ende immer wieder zu regelgebundenen Mechanismen zurückkehren werden – sei es in der Geld-, der Wirtschafts- oder der Außenpolitik. Immer wenn Regeln einengen, kommt der Wunsch auf, sich davon befreien. Aber fallweises Handeln heißt immer auch mehr Willkür, weniger Berechenbarkeit. Und das gilt es zu vermeiden.

Die EZB wird in diesem Zusammenhang kritisiert, zu wenig für das Wirtschaftswachstum zu tun: Sie soll ihre Zinsen aggressiver verändern und ihre Definition von Preisstabilität lockern. Wird sie das tun? Duisenberg: Nein. Unsere Definition von Preisstabilität von „unter, aber nahe zwei Prozent“ ist nicht zu eng. Sie anzuheben wäre mit dem Ziel der Preisstabilität nicht vereinbar.

In vielen Teilen der Welt haben die Notenbanken in den vergangenen Jahren die Inflation erfolgreich bekämpft. Bleibt das so, oder werden die Inflationsraten wieder anziehen?

Die Inflation ist nie tot. Auf lange Sicht könnten Leute, die noch keine Inflation erlebt haben, unvorsichtig werden. Sie könnten die Folgen der Inflation weniger negativ einschätzen. Es ist unsere Aufgabe, das Bewusstsein dafür wach zu halten, dass Inflation schlecht ist: Am Ende trifft sie immer die schwächsten Glieder der Gesellschaft. Gegenwärtig illustrieren die Niederlande, wie man mit überzogenen Lohnforderungen niedriges Wachstum und hohe Inflation erzeugt und die Menschen in die Arbeitslosigkeit treibt.

Die Märkte schwimmen weltweit in Liquidität. Heißt das nicht, mit dem Vertrauen der Menschen in die Stabilität ihrer Währung zu spielen?

Es stimmt, dass reichlich Liquidität vorhanden ist. Wir glauben aber, sie unter Kontrolle zu haben. Wenn wir das Vertrauen von Konsumenten und Unternehmern wieder herstellen können, wird die Wirtschaft in den vorhandenen Liquiditätsmantel hineinwachsen, ohne dass Inflation entsteht. Aber wir sind wachsam.

Ist ein Papiergeldstandard dazu verurteilt, immer nur entweder Inflation oder Deflation zu bekämpfen?

Ja. Aber was ist die Alternative? Der Goldstandard? Es gibt keine Alternative. Also müssen wir damit leben.

Eine Frage noch....: Wer ist Ihr Friseur?

Mein Friseur ist seit 16 Jahren Peter Griesheimer in Amsterdam. Der Salon heißt Avanti Hair.

Marietta Kurm-Engels
Marietta Kurm-Engels
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