ILO-Bericht
Finanzkrise drückt auf die Löhne

Als Folge der Finanzkrise müssen sich Arbeitnehmer nach Einschätzung der Internationalen Arbeitsorganisation auf erhebliche Lohneinbußen gefasst machen. Außerdem wird die Schere zwischen hohen und niedrigen Einkommen immer größer – vor allem in Deutschland.

HB BERLIN. Weltweit sei für dieses Jahr lediglich mit einem realen Zuwachs von 1,7 Prozent, im kommenden Jahr bestensfalls mit 1,1 Prozent zu rechnen, erklärte die Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen, am Dienstag in Berlin. „Deutschland muss sich 2009 sogar auf einen Rückgang der Reallöhne einstellen“, sagte ILO-Experte Daniel Vaughan-Whitehead. Wie aus dem erstmals vorgestellten „Global Wage Report 2008/09“ der ILO weiter hervorgeht, wird die Schere zwischen hohen und niedrigen Einkommen immer größer. Unter den Industrieländern wuchs die Lohnungleichheit demnach am schnellsten in Deutschland, Polen und den USA. Sollte sich dieser Zustand verschärfen, drohe „eine Vielzahl sozialer Konflikte“, warnte Vaughan-Whitehead. Ländern wie Frankreich oder Spanien sei es bereits gelungen, die Kluft zu schmälern.

„Den weltweit rund 1,5 Milliarden Lohnabhängigen stehen schwierige Zeiten bevor“, sagte ILO-Generalsekretär Juan Somavia. Bereits in den vergangenen Jahren hinkten die Löhne nach Angaben der Organisation dem Wachstum hinterher: Je Prozent Wirtschaftswachstum legten die Löhne zwischen 1995 und 2007 lediglich um 0,75 Prozent zu. Überdurchschnittlich stark betroffen waren die Arbeitnehmer in Abschwungphasen: Für jedes Prozent Minus der Wirtschaftsleistung gingen die Löhne um 1,55 Prozent zurück. „Wenn dieses Muster auch auf den gegenwärtigen Abschwung zutrifft, dann würde dies auf eine Vertiefung der Rezession und eine verspätete Erholung hinauslaufen“, sagte Somavia.

Die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) prognostiziert für das kommende Jahr in den Industrieländern eine Rezession. Die Wirtschaft in Deutschland dürfte um 0,9 Prozent schrumpfen. Bis Ende 2010 dürfte die Zahl der Arbeitslosen hier um 700 000 steigen. Die ILO erwartet wegen der Rezession im kommenden Jahr weltweit 20 Millionen mehr Arbeitslose.

Auch die Unterschiede zwischen den Einkommen von Männern und Frauen sind der ILO-Studie zufolge weiterhin hoch. In den meisten Ländern erreichen die Löhne von Frauen nur zwischen 70 und 90 Prozent der Einkommen ihrer männlichen Kollegen. Vor allem Länder in Asien weisen demnach deutlich geringere Unterschiede auf.

Vaughan-Whitehead forderte die Regierungen der Länder auf, bei Konjunkturpaketen die Lohnentwicklung viel stärker als bisher zu berücksichtigen. Für die Ankurbelung des Konsums und der Konjunktur sei es wichtig, die Lohnentwicklung mit steuerlichen Instrumenten zu fördern. Dabei seien die Sozialpartner gefordert, auf die Regierungen zuzugehen.

In diesem Zusammenhang spreche nichts gegen die Einführung von Mindestlöhnen, sagte Vaughan-Whitehead. „Sie haben keine negativen Auswirkungen auf die Beschäftigtenzahlen. Außerdem steigern sie nach unseren Beobachtungen die Qualität der Arbeit.“

Die ILO wurde 1919 gegründet und hat ihren Hauptsitz in Genf. Ihre 182 Mitgliedsstaaten sind durch Repräsentanten sowohl von Regierungen als auch von Arbeitnehmern in den ILO-Organen vertreten.

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