Im Gespräch mit: Olivier Blanchard
„Europa hat die Dinge schleifen lassen“

Ein besseres Kontroll- und Überwachungssystem hätte die Krise verhindern können, davon ist Olivier Blanchard, Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF), überzeugt. Im Handelsblatt-Interview äußert er sich zur Gefahr einer weiteren Ausbreitung der Krise sowie der Notwendigkeit einer kohärenten Strategie – und wie eine Lösung aus drei Teilen den Weg aus der Krise ebnen soll.

Handelsblatt: Kann man heute schon Lehren aus der Finanzkrise ziehen?

Olivier Blanchard: Ein paar offensichtliche Lehren gibt es in der Tat schon. Zum einen: Die Gier hat sicher eine bedeutende Rolle gespielt. Zum anderen: Dass Finanzsysteme zerbrechlich sind, war uns allen klar. Aber wir wussten nicht, wie sehr. Wir können Risiken nicht völlig ausschalten, aber wir können sie reduzieren. Eine Maßnahme hierfür ist mehr Regulierung, um zum Beispiel die Exzesse zu vermeiden, die es im Zuge der Vergabe von subprime-Krediten gegeben hat. Das können wir begrenzen.

Über Regulierung reden wir ja nicht erst seit es die Krise gibt, sondern schon seit geraumer Zeit. Es scheint aber, dass erst eine Krise notwendig war, damit man sich nun auch ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzt.

Ja, das stimmt. Unter Wissenschaftlern hat man ja schon lange darüber diskutiert, dass genau das geschehen kann, was wir jetzt erleben. Aber wir haben nie wirklich einen öffentlichen Dialog darüber geführt, dass so eine Krise kommen kann. Diese Debatte hat sich zu sehr in der Wissenschaftssphäre abgespielt.

Haben die Märkte die Warnungen zu lange ignoriert?

Offensichtlich ja. Es gab generell einfach zu viel Nachlässigkeit und Bequemlichkeit. Bis vor ein paar Monaten hat man bei dem ganzen Thema eher abgewiegelt. Interessant ist dabei ein Vergleich mit der Vergangenheit: Wir hatten in jüngster Zeit zwei große Schocks erlebt: Den Ölpreisschock und den Finanzschock. Und überraschend ist hier, wie gut wir mit dem ersten Problem umgegangen sind. Wir haben uns an die 70er Jahre erinnert und wir haben daraus gelernt. Die meisten Länder haben den Ölpreisanstieg gut verkraftet, mit nur geringfügig angestiegener Inflation. Nun bei dem Finanzschock müssen wir jedoch feststellen, dass wir da sehr bequem gewesen sind und sehr verwundbar wurden.

Dabei war die erste Reaktion auf den Finanzschock so schlecht nicht. Die Notenbanken agierten schnell...

Ja, die US-Notenbank hatte in ihren ersten Schritten das Richtige gemacht, wenn man berücksichtigt, welchen Wissenstand sie da hatte. Heute muss man natürlich sagen, dass man der Fed das Problem nicht hätte alleine überlassen dürfen. Hätten wir eine kohärente Strategie gehabt, dann wären wir vielleicht nicht da, wo wir heute sind.

Aus Europa hieß es an die Adresse Amerikas zunächst häufig: Das ist Euer Problem. Doch das hat sich nun geändert...

Mit Ausnahme der schnellen und weitgehenden Interventionen der EZB in den Geldmärkten, haben die Europäer die Dinge zu sehr schleifen lassen. Dort hat man gedacht, dass man die schlimmsten Folgen der Finanzkrise vermeiden könnte, weil man nicht direkt involviert ist. Aber man musste kein Genie sein um zu wissen, dass das nicht reichen würde. Indirekt war Europa natürlich involviert. Da gab es viel Bequemlichkeit. Aber mit der wird es bald vorbei sein.

Wie sehr sind die Emerging Markets von der Krise betroffen?

Die Krise wird diese Länder im Schnitt etwa zwei Prozent Wachstum kosten. Dazu kommen noch die Effekte aus dem sich abschwächenden Handel. Manche Länder haben genug Finanzreserven, um das aufzufangen, andere nicht.

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