Im Interview: Jürgen Stark
„EZB verfolgt eigenen Ansatz“

Jürgen Stark, Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank, appelliert an die Kreditwirtschaft, die gesunkenen Notenbankzinsen weiterzugeben. Im Interview mit dem Handelsblatt wendet er sich außerdem strikt gegen eine Null-Zins-Politik. Um die Krise zu meistern, bedürfe es anderer Maßnahmen.

Herr Stark, Sie sind kein Anhänger einer Null-Zins-Politik. Wie tief sollte denn der Euro-Leitzins höchstens noch fallen?

Wir haben noch etwas Spielraum, die Zinsen weiter zurückzunehmen. Einen Schwellenwert festzulegen, bei dem wir stoppen, macht aus heutiger Sicht keinen Sinn. Für mich selbst ist der Schwellenwert allerdings nicht weit von dem entfernt, was wir im Augenblick haben. Aber lassen Sie mich auf einen wichtigen Punkt hinweisen: Wir verfolgen seit Oktober vergangenen Jahres mit unseren so genannten „Nicht-Standard-Maßnahmen“ am Geldmarkt einen eigenständigen Ansatz, der nicht unbedingt dem Ansatz anderer Zentralbanken entspricht.

Das heißt konkret?

Mit Nicht-Standard-Maßnahmen meine ich, dass wir den Banken bei unseren Refinanzierungsoperationen zu einem festen Zinssatz – unserem Hauptrefinanzierungssatz – jede gewünschte Menge Zentralbankgeld zuteilen. Dadurch ist der Tagesgeldsatz deutlich unter den Leitzins gefallen. Wir haben jetzt einen historisch niedrigen Hauptrefinanzierungssatz von 1,5 Prozent. Tagesgeld kostet rund 0,85 bis 0,90 Prozent. Die Differenz beträgt also mehr als 60 Basispunkte. Das heißt, dass unsere geldpolitische Ausrichtung in einem Umfeld von Preisstabilität viel expansiver und für die wirtschaftliche Aktivität unterstützender ist, als dies allein der Leitzins ausdrückt.

Aber Anasthasios Orphanides, Zyperns Zentralbankchef, plädiert schon lange für einen Zins von null Prozent ...

Ich kommentiere öffentlich keine persönlichen Meinungen von Kollegen, die sie außerhalb des EZB-Rats äußern.

Warum sind Sie denn so gegen Zinsen von null Prozent?

Wenn wir in Richtung Null-Zinsen gehen würden, müssten wir zuerst die Chancen und Risiken einer solchen Politik sehr wohl gegeneinander abwägen. Klar dürfte sein, dass es mit einem zu niedrigen Zins nicht gelingen wird, den Interbankenmarkt zu reaktivieren. Die Geschäftsbanken werden dann ihre Geschäfte nur über die Zentralbank abwickeln.

Ist das der einzige Grund?

Es gibt einen zweiten Punkt, der nicht unterschätzt werden darf: Bei einem zu niedrigen Zins besteht nicht nur die Gefahr, dass erforderliche Anpassungen in den Bilanzen ausbleiben, es besteht auch die Gefahr, dass es zu Investitionen kommt, die unter normalen Bedingungen nicht profitabel sind. So kann die Basis für neue Übertreibungen gelegt werden. Wir könnten in eine ähnliche Situation geraten wie nach dem Platzen der Aktienblase, als Marktteilnehmer davon ausgingen, dass das günstige Umfeld extrem niedriger Zinsen bei sehr niedriger Inflation von Dauer ist und auf dieser Basis Investitionsentscheidungen getroffen werden können, die langfristig ausgerichtet sind.

Und dann steigen die Zinsen wieder ...

... und wir hätten erneut ein Szenario, wie wir es im Moment erleben. Wir erhalten derzeit sehr viele Empfehlungen, was wir tun und kommunizieren sollten. Aber wir sind es, die letzten Endes die Verantwortung für unser Handeln tragen. Wer in die angesprochene Richtung denkt, muss sorgfältig vor einer Entscheidung die Vor- und Nacheile abwägen. Für mich überwiegen derzeit eindeutig die Nachteile einer solchen Politik.

Würden Null-Zinsen denn nicht helfen, die Krise zu meistern?

Wenn es um die Lösung der Finanzkrise geht, muss man deren komplexe Gründe verstehen. Es bedarf deshalb einer Vielzahl von Maßnahmen, um diese Krise zu bewältigen: Auf der einen Seite haben wir das Liquiditätsmanagement und die Zinspolitik der Zentralbanken. Auf der anderen Seite haben wir die Maßnahmen der Regierungen, die vielleicht noch um Entlastungen der Bankbilanzen zu ergänzen wären.

Weitere Zinssenkungen reichen also nicht aus?

Nein. Und Sie dürfen auch nicht vergessen, dass die Finanzierungsbedingungen im Euro-Raum trotz des höheren Leitzinses günstiger sind als in Großbritannien und in den USA. Für Laufzeiten bis zu fünf Jahren oder auch darüber, also im mittel- bis langfristigen Bereich, liegen die Zinssätze für Kredite an Unternehmen unter den britischen und den amerikanischen.

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