Im Juni entstanden halb so viele neue Jobs wie von Volkswirten prognostiziert
Überhitzung in den USA wird unwahrscheinlicher

Das unerwartet geringe US-Beschäftigungswachstum im Juni relativiert Sorgen vor einer Überhitzung der amerikanischen Wirtschaft, die die US-Notenbank Fed zu schnellen und drastischen Zinserhöhungen zwingen könnte.

ost DÜSSELDORF. „Die Konjunktur ist dabei, auf einen niedrigeren Wachstumspfad zu kommen“, sagt Gary Pollack, Fondsmanager bei der Deutschen Bank in New York. „Die Fed kann sich deshalb in angemessenem Tempo bewegen.“

In der vergangenen Woche hatte die US-Notenbank zum ersten Mal seit rund vier Jahren die Leitzinsen angehoben – um 25 Basispunkte auf 1,25 Prozent. Zusammen mit den Steuersenkungen der Regierung Bush hatten die historisch niedrigen Leitzinsen ein regelrechtes Konjunktur-Feuerwerk verursacht: Die US-Wirtschaft ist seit Sommer 2003 so stark gewachsen wie seit rund 20 Jahren nicht mehr, und ab März kam auch der bis dahin sehr schwache Arbeitsmarkt wieder deutlich in Fahrt. Zusammen mit den steigenden Rohölpreisen hatte dies zu einem Anziehen der Inflation geführt – was die Notenbank irgendwann zu deutlichen Zinserhöhungen zwingen könnte. „Bei höherem Beschäftigungswachstum müsste die Fed deutlicher auf die Bremse treten und ihre maßvolle Zinspolitik wohl aufgeben“, sagt Gerald Müller, Volkswirt bei der Commerzbank.

Solch ein Szenario ist durch die schwächeren Arbeitsmarkt-Zahlen allerdings unwahrscheinlicher geworden: Im Juni schufen die US-Unternehmen unter dem Strich nur 112 000 neue Stellen – Volkswirte hatten mit einem mehr als doppelt so großem Plus gerechnet. Außerdem war das Beschäftigungswachstum im April und Mai revidierten Zahlen zufolge geringer als bisher gemeldet. Statt knapp 600 000 entstanden in beiden Monaten zusammengenommen nur rund 560 000 neue Jobs. Auch die durchschnittliche Wochenarbeitszeit fiel – auf 33,6 von zuvor 33,8 Stunden. Nach Angaben der Deka-Bank handelt es sich um den niedrigsten jemals ermittelten Wert.

Im verarbeitenden Gewerbe, wo die Beschäftigung so niedrig ist wie in den fünfziger Jahren und im Juni 11 000 weitere Jobs verloren gingen, sank das Arbeitsvolumen sogar noch stärker. Umstritten war unter Volkswirten, ob und wie stark der Feiertag wegen des Todes von Ronald Reagan die Juni-Zahlen verzerrt hat.

„Die Arbeitsmarkt-Zahlen sind eine herbe Enttäuschung“, sagt Gabriele Widmann von der Deka-Bank. „Die Aussage, dass der Aufschwung auch auf dem Arbeitsmarkt angekommen ist, gilt aber weiter.“ US-Präsident Bush, der sich im November zur Wahl stellt, wertete den Stellenzuwachs dennoch als Zeichen dafür, dass die Konjunktur „kontinuierlich Fortschritte“ mache. Die Arbeitslosigkeit ist neben dem Irak-Krieg das wichtigste Thema im US-Wahlkampf.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%