Indonesien
Zwischen Konsum und Koran

Zehn Jahre nach der Asienkrise hat sich Indonesien trotz Tsunami und politischer Instabilität den wirtschaftlichen Aufschwung zurückerkämpft. Doch das Comeback des einstigen Stars steht auf wackeligen Füßen: Im Land treffen Reich und Arm ebenso aufeinander wie konservative und progressive Muslime.

JAKARTA. „Lass deine Sinne schwelgen“, rufen Werbeplakate vom Gerippe der Grand Indonesia Shopping Town. Dieser Lockruf wird in Jakartas smogverpesteter Luft nicht mehr lange ungehört verhallen. Noch verhüllt Baustaub das halbfertige Betonungetüm, und Schweißfunken regnen von seinen acht Stockwerken herab. Doch bald wird Südostasiens größtes Luxus-Einkaufszentrum seine Tore öffnen. Flankiert wird der Tempel des Hedonismus von zwei Wolkenkratzern, deren Rohbauten sich über 60 Etagen in den gleißenden Tropenhimmel wuchten.

Zumindest im Zentrum ihrer Hauptstadt mimt die indonesische Nation wieder den asiatischen Tiger, der sie einst war. Entlang von Jalan Sudirman stehen die Zeichen auf Boom: Überall an der Hauptverkehrsachse sprießen neue Büroblöcke, Luxusapartments und Ladenblöcke hoch. Unweit des blau glitzernden Doppelturms der Börse, wo Allzeithochs über die Bildschirme flimmern, grüßen zwar noch immer Bauruinen. Aber mit ihren rostig herabbaumelnden Armier-Eisen wirken sie wie Relikte aus einer fernen, vergessenen Zeit.

„Ich habe noch nie so positiv über Indonesien gedacht“, sagt Joachim Ihrcke, Asien-Chef der Unternehmensberatung Droege. Für ihn wurde das rohstoffreiche Land mit 225 Millionen Einwohnern von vielen viel zu früh abgeschrieben. „Wer in letzter Zeit Investitionen gewagt hat“, weiß der Berater und lächelt, „wurde oft mit satten Profiten belohnt.“

Das waren allerdings wenige, denn Indonesien ist tief gefallen: vom Wachstumsstar, der noch Mitte der 90er-Jahre heller leuchtete als China, zu Asiens wirtschaftlichem Aschenputtel. Asienkrise, Tsunami, instabile politische Lage – die Schwäche der indonesischen Volkswirtschaft belastet noch immer ganz Südostasien. Doch Indonesien steht vor einem Comeback. Wenngleich vor einem schwierigen: Denn neben wirtschaftlichen Herausforderungen hat das große Land auch einige gesellschaftspolitische Schwierigkeiten zu meistern.

Im Juli vor zehn Jahren war es, da verwandelten die Folgen der Asienkrise, ausgelöst durch maßlose Investitionen und eine exzessive Kreditaufnahme, die Straßenschlucht von Jalan Sudirman in einen Friedhof aus halbfertigen Büroblöcken. Im Jahr darauf schrumpfte die Wirtschaft um 13 Prozent. Das hat seit der Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre keine Nation verkraften müssen. Es blieb nicht der einzige Schock. Mit der Wirtschaft implodierte das politische System: Die 30 Jahre andauernde Diktatur von General Hadji Mohamed Suharto ging im Chaos unter. An allen Ecken des Archipels aus 17 000 Inseln loderte gewalttätiger Separatismus auf. Auslandsinvestoren flohen in Scharen, und die raffgierige Elite des alten Regimes setzte sich mit geschätzten 200 Milliarden Dollar im Gepäck nach Singapur ab.

In ihrer Heimat sanken derweil Millionen in die Armut. Die Natur trat nach: mit schweren Erdbeben, Vulkanausbrüchen, der Vogelgrippe und der Jahrhundert-Katastrophe des Tsunamis, der 200 000 Tote forderte.

Nach so vielen Rückschlägen sehen viele Skeptiker Indonesien als „schlafenden Riesen“, der noch lange weiter schlummern wird. Wenige Länder leiden unter schlimmerer Korruption, dazu belasten eine erstickende Bürokratie und ein strenges Arbeitsrecht das Investitionsklima. Aber erstmals seit langem wagen sich Optimisten wieder aus der Deckung. „Indonesien winkt eine kräftige Wirtschaftserholung“, glaubt Volkswirt Philip Wyatt vom Kreditinstitut UBS. Investoren aus dem In- und Ausland kämen zurück, und in Infrastrukturprojekte komme Bewegung. Auch für Manu Bhaskaran, Chefvolkswirt der Strategieberatungsgesellschaft Centennial Group, winken dem Land endlich Dividenden für seine politische und makroökonomische Stabilisierung. „Indonesien kann ohne große Anstrengungen bald wieder mit sieben oder acht Prozent wachsen“, glaubt er.

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