Industrieländer-Vergleich
Deutschland bleibt Schlusslicht

Hohe Arbeitslosigkeit, niedriges Pro-Kopf-Einkommen, bürokratische Auswüchse: Trotz aller Reformanstrengungen bleibt Deutschland bei Beschäftigung und Wirtschaftswachstum Schlusslicht im Vergleich von 21 Industrienationen. Besserung ist der aktuellen Standortstudie zufolge nur unter bestimmten Bedingungen in Sicht.

HB BERLIN. Das deutsche Wachstumspotenzial hinke im internationalen Vergleich weiter hinterher, lautet das Fazit des neuen Standortrankings der Bertelsmann-Stiftung: „Die Arbeitslosigkeit ist die dritthöchste, und das Pro-Kopf-Einkommen liegt deutlich unter dem Durchschnitt.“

Allerdings habe Deutschland wegen der Reformen gute Chancen, im kommenden Jahr erstmals seit 2001 die rote Laterne abzugeben und auf Rang 19 vorzurücken, heißt es. So sei im Aktivitätsindex, der den Erfolg der Wirtschaftspolitik misst, ein beachtlicher Sprung nach vorne gelungen. Hier belege Deutschland Rang 15, vor zwei Jahren war es noch Vorletzter.

Platz eins in der Rangliste der Kernbereiche Arbeitsmarkt und Wirtschaftswachstum belegte Irland vor Norwegen, den USA und Australien. Diese vier Länder hätten überdurchschnittlich gute Ergebnisse erzielt. Das Beschäftigungsniveau in Norwegen und den USA zum Beispiel reiche inzwischen an Vollbeschäftigung heran.

Die Studie bescheinigte der deutschen Wirtschaftspolitik Erfolge vor allem durch die Arbeitsmarktreformen der vergangenen Jahre. So sei die Erwerbsbeteiligung der Bevölkerung auf international beachtliche 78 Prozent gestiegen, sagte der Stiftungsvorstand Johannes Meier: „Zudem hat das lohnpolitische Augenmaß der Tarifparteien zu einer leichten Belebung am Arbeitsmarkt beigetragen.“ Auch die Beschäftigungssituation für Jugendliche stelle sich besser dar als in anderen Ländern.

Für ältere Arbeitnehmer und für Langzeitarbeitslose stünden die Chancen allerdings vergleichsweise schlecht. „Vor allem Geringqualifizierte haben in Deutschland große Schwierigkeiten, eine neue Anstellung zu finden.“ Einer der Gründe dafür sei der oft nur geringe Lohnabstand zwischen der vergleichsweise großzügigen staatlichen Grundsicherung und dem Einkommen aus regulärer Erwerbstätigkeit. Zudem fehlten im Niedriglohnbereich weiter viele Stellen, auf die weniger gut ausgebildete Arbeitslose vermittelt werden könnten.

Handeln statt reden

Als weiterer Grund für das schlechte Abschneiden im Ländervergleich wird das unterproportionale Wirtschaftswachstum genannt. Die Produktionskapazität der Wirtschaft wachse seit zehn Jahren um 1,5 Prozent, im Durchschnitt der anderen Länder aber um mehr als 2,5 Prozent. „Nicht zuletzt deshalb ist Deutschland bei der Wirtschaftskraft pro Kopf mittlerweile von Staaten wie Frankreich, Großbritannien oder Belgien überholt worden“, heißt es in der Studie.

Wenn die nun schon seit über 20 Jahren anhaltende Reformdiskussion in Deutschland wie so oft überwiegend in Formelkompromissen und bürokratischen Auswüchsen münden wird, wird der ökonomische Rückstand gegenüber den anderen Ländern kaum aufzuholen sein, warnen die Forscher. „Wie internationale Studien zeigten, habe die Mehrzahl der Staaten, die in der Vergangenheit ihren Haushalt nachhaltig konsolidieren konnten, neben der Erhöhung von Steuern und Abgaben vor allem auf eine Senkung der staatlichen Ausgaben gesetzt. Die demographische Entwicklung und die strukturellen Defizite der sozialen Sicherung machten es auch in Deutschland erforderlich, Einsparpotenziale bei staatlichen Aufgaben entschlossener als bisher zu nutzen.

Das erstmals im Herbst 2004 veröffentlichte Internationale Standort-Ranking der Bertelsmann Stiftung vergleicht und bewertet die Entwicklung der 21 wichtigsten Industrienationen in den Berei­chen Wachstum und Beschäftigung. Dabei wird für jedes der 21 Länder ein Erfolgsindex und ein Aktivitätsindex berech­net. Während der Erfolgsindex Auskunft über die aktuelle Situation des jeweiligen Landes mit Blick auf die beiden Zielgrößen gibt, erfasst der Aktivitätsindex die wichtigsten Erklärungsgrößen für Beschäftigungssituation und Wirtschaftswachstum.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%