Inflation bekämpfen oder Konjunktur stützen?
Das Dilemma der Notenbanken

Deutlich wie selten wird in dieser Woche der Gegensatz zwischen den Notenbanken der USA und Europas hervortreten. Am heutigen Dienstag kommt die US-Notenbank Federal Reserve zu einer geldpolitischen Sitzung zusammen, am Donnerstag die Europäische Zentralbank (EZB) sowie die Bank von England (BoE). Alle drei Notenbanken kämpfen mit demselben Dilemma.

NEW YORK/FRANKFURT. Die hohen Energiepreise haben die Inflationsraten auf vier, in den USA sogar auf fünf Prozent hochgetrieben. Dadurch stehen europäische wie US-amerikanische Währungshüter unter Druck, mit höheren Zinsen gegenzusteuern. Auf der anderen Seite sprechen weltweit zunehmende Rezessionssorgen und Probleme der angeschlagenen Finanzbranche dafür, die Konjunktur und die Banken mit möglichst niedrigen Zinsen über Wasser zu halten.

Am offensten hat die Bank von England diesen Widerstreit der Argumente benannt. „Für alle Mitglieder des geldpolitischen Rates war diese Entscheidung schwierig“, hieß es im Protokoll der letzten Sitzung, bei der einige Notenbanker für eine Zinssenkung stimmten, ein Mitglied sich aber für eine Zinserhöhung starkmachte.

In diesem Zwiespalt haben sich die Zentralbanken bislang für ganz verschiedene Wege entschieden. Die Federal Reserve, die laut ihrem Mandat gleichgewichtig für Preisstabilität und hohen Beschäftigungsstand sorgen soll, hat trotz des Inflationsanstiegs unbeirrt an ihrem Notstands-Zinsniveau von nur zwei Prozent festgehalten. Damit ist der reale Leitzins, also der Zins nach Abzug der Inflationsrate, seit geraumer Zeit deutlich negativ.

Nicht nur ihr flexibleres Mandat ohne konkretes Inflationsziel macht es der Federal Reserve leichter, den Inflationsanstieg auszusitzen. Die US-Notenbank nimmt als Maßstab eine Teuerungsrate, aus der schwankungsanfällige Preise wie die von Nahrungsmitteln und Energie herausgerechnet sind. Diese Kernrate der Inflation ist viel niedriger als die umfassende Rate.

Anders als ihr amerikanischer Counterpart haben EZB und BoE dagegen den Auftrag, sich vorrangig um Preisstabilität zu kümmern. Die EZB hat sich selbst das Ziel gegeben, die Inflationsrate unter zwei Prozent zu halten. Daher hat sie ihren Leitzins im Juli noch auf 4,25 Prozent erhöht. Die BoE will die Teuerung zwischen einem und drei Prozent halten. In beiden Fällen sind die zuletzt stark gestiegenen Energie- und Nahrungsmittelpreise mit eingerechnet. Eine Stabilisierung der Konjunktur ist für beide Notenbanken dagegen nur ein Nebenziel. So haben die Briten zwar seit dem Jahreswechsel schon einige Zinssenkungen beschlossen. Mit fünf Prozent ist der Leitzins aber immer noch der höchste unter den drei Zentralbanken – obwohl in Großbritannien die Häuserpreise mit Raten um die 20 Prozent fallen und die Wirtschaft ziemlich deutlich auf eine Rezession zusteuert.

Mit ihrer harten Haltung zieht vor allem die EZB Kritik auf sich. „Die EZB scheint den Konjunkturabschwung verpasst zu haben, so wie 2000/2001“, kritisiert Laurent Bilke, EZB-Beobachter der US-Investmentbank Lehman Brothers, der noch vor nicht allzu langer Zeit selbst an den Konjunkturprognosen der Notenbank beteiligt war.

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