Inflationsfreies, moderates Wachstum erwartet
Leitzins nähert sich dem Höhepunkt

Experten erwarten, dass die Europäische Zentralbank die Zinsen nicht mehr allzu stark anhebt. Eine Zinsänderung bereits am Donnerstag gilt sogar als extrem unwahrscheinlich. Auch der EZB-Schattenrat vortierte mit breiter Mehrheit dafür, den Leitzins unverändert zu lassen.

FRANKFURT. Die Europäische Zentralbank (EZB) wird sich bei der anstehenden Erläuterung ihrer Geldpolitik am kommenden Donnerstag nach Einschätzung der meisten Experten alle Optionen offen lassen. Eine Zinsänderung am Donnerstag gilt aber als extrem unwahrscheinlich, nachdem die Notenbank erst Anfang Juni ihren Leitzins von 3,75 auf vier Prozent angehoben hat. Während die EZB allerdings jeweils einen Monat nach den sieben vorangegangenen Zinserhöhungen bereits durch ihre Wortwahl einen Termin für den nächsten Zinsschritt avisiert hat, sind die Meinungen der Marktbeobachter geteilt, ob sie das am Donnerstag wieder tun wird.

„Der nun seit längerem übliche Hinweis auf eine bevorstehende Zinserhöhung dürfte zumindest weniger klar ausfallen, wenn nicht sogar ganz ausbleiben“, spekuliert Michael Schubert, EZB-Beobachter der Commerzbank. Denn anders als zuvor halten die meisten Experten den Leitzins nun nicht mehr wie zuvor für ungewöhnlich niedrig. Sie sehen ihn vielmehr auf einem Niveau, das etwa zu einer Wirtschaft mit normal ausgelasteten Kapazitäten ohne Inflationsdruck passt. Der lange Normalisierungsprozess, der bisher die Zinspolitik sehr vorhersehbar machte, wäre damit abgeschlossen.

Entsprechend votierten im EZB-Schattenrat am Donnerstag 16 der 19 Mitglieder für die Empfehlung an die EZB, den Leitzins am Donnerstag unverändert zu lassen. Drei stimmten für eine Zinserhöhung um einen viertel Punkt. Dem EZB-Schattenrat gehören renommierte Geldpolitik-Experten aus Banken, Hochschulen - und Forschungsinstituten an.

Die Prognosen der Schattenräte zeigen, dass sie mehrheitlich ein inflationsfreies, moderates Wachstum erwarten. Sie gehen davon aus, dass die Wirtschaft des Euro-Raums nach der kräftigen Expansion der letzten Quartale in ruhigeres Fahrwasser kommt und mit Raten knapp über zwei Prozent pro Jahr weiterwächst. Die Inflationsrate wird den Prognosen zufolge in diesem Jahr durchschnittlich bei zwei Prozent und im nächsten Jahr knapp darunter liegen. Dabei haben die Prognostiker angenommen, dass die EZB ihren Leitzins mindestens noch einmal auf dann 4,25 Prozent anhebt. Diese Erwartung herrscht auch an den Finanzmärkten vor, wie sich an den Kursen von Termingeschäften am Geldmarkt ablesen lässt. Darüber hinaus wird am Finanzmarkt mit der Möglichkeit einer Erhöhung auf 4,5 Prozent gerechnet, ohne dass diese Möglichkeit schon voll in den Terminkursen eingepreist wäre.

„Jetzt wo die EZB mit ihrem Leitzins neutrales Territorium erreicht hat, sollte sie eine Weile abwarten und die Wirkung der vergangenen Zinserhöhungen beobachten. Es ist nicht klar, dass sie mit ihren Zinsen die Wirtschaft aktiv bremsen muss“, gab Schattenratsmitglied und Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise zu bedenken. Mit dieser Einschätzung gehört er allerdings zu einer Minderheit in dem Expertengremium. Etwa zwei Drittel sind entweder für eine sofortige Zinserhöhung oder gehen davon aus, dass ein solcher Schritt in den nächsten Monaten angezeigt sein wird. Die WestLB glaubt, dass die EZB das auch so sieht und erwartet deshalb, dass sie am Donnerstag in ihr Kommuniqué schreiben wird, dass sie Inflationsrisiken „sehr genau“ beobachtet und damit ankündigt, dass eine Zinserhöhung näher rückt.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%