Inflationsrisiko
US-Notenbank wird ihren Ton verschärfen

Die Mehrzahl der Ökonomen an der Wall Street erwartet, dass die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) morgen den Boden für die erste Zinserhöhung im Sommer bereiten wird.

NEW YORK. Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur Bloomberg rechnen 17 von 23 Experten damit, dass die Fed ihre zuletzt betonte „Geduld“ aus der Erklärung streicht. Damit würde die Notenbank vor allem dem starken Beschäftigungszuwachs und dem Wiederaufleben der Inflation Rechnung tragen.

Die Fed wird jetzt das Inflationsrisiko betonen“, sagt David Wyss, Chef-Ökonom bei Standard & Poor’s in New York. Bei ihrer letzten Sitzung Mitte März hatte die Notenbank noch vor einem weiteren Preisverfall gewarnt. Fed-Chef Alan Greenspan hat jedoch vor kurzem klargestellt: „Deflation ist für uns kein Thema mehr.“ Alles andere wäre auch eine Überraschung, ist doch der Preisindex für den privaten Konsum im ersten Quartal um zwei Prozent gestiegen. Das ist nicht nur der stärkste Zuwachs seit fast zwei Jahren, sondern liegt auch am oberen Rand dessen, was die Notenbanker für tolerabel halten. „Das war ein Warnschuss und die Fed wird zurückschießen“, sagt Wyss.

Anpassungsbedarf auf Seiten der Fed gibt es auch beim Arbeitsmarkt. Nach dem Beschäftigungssprung von mehr als 300 000 neuen Jobs im März kann die Notenbank kaum mehr davon sprechen, dass es an Neueinstellungen fehlt. Diane Swonk, Chef-Ökonomin bei der Bank One in Chicago warnt jedoch davor, den positiven Beschäftigungstrend auf die kommenden Monate fortzuschreiben. „Die Arbeitsmarktzahlen werden stärker schwanken, das Wachstum wird sich verlangsamen“, sagt sie voraus.

Obwohl die jüngsten Signale aus der Wirtschaft die Fed in Zugzwang gebracht haben, rechnet niemand mit einer überstürzten Reaktion der Notenbank. Die Mehrzahl erwartet wie die Händler auf den Terminmärkten den ersten Zinsschritt von einem viertel Prozentpunkt im August. Allerdings preisen die Finanzmärkte für Juni jetzt eine Wahrscheinlichkeit von 40 % für die Zinswende ein. „Ich halte den Juni auch deshalb für möglich, weil die Fed damit nicht in die heiße Wahlkampfphase kommen würde“, sagt Wyss. Am 2. November wird ein neuer US-Präsident gewählt.

Swonk ist anderer Meinung: „Das starke Wirtschaftswachstum gib der Notenbank genug Deckung, um auch später noch zu handeln“, sagt die Ökonomin. Sie rechnet mit dem ersten Zinsschritt im September und einer weiteren Anhebung um 25 Basispunkten im Dezember. „Eine noch stärkere Zinserhöhung um einen vollen Prozentpunkt wäre besser“, sagt Swonk mit Blick auf die wachsende Inflationsgefahr. „Wir befinden uns an einem Wendepunkt der wirtschaftlichen Entwicklung.“ Bislang hatte die Fed immer mit einer schnellen Zinserhöhung versucht, die Gefahr von allgemeinen Preissteigerungen im Keim zu ersticken. Die lange Zeit niedrigen Inflations- und hohen Produktivitätsraten haben die Notenbank jedoch dazu veranlasst, ihre vorbeugende Geldpolitik zu bremsen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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