Initiative des Bundestags
Wohlstand nach neuem Maß

Seit jeher ist das BIP der Maßstab für Wachstum und Wohlstand. Der Bundestag will das ändern. Eine Kommission hat zehn Messwerte vorgeschlagen, die künftig als Gradmesser dienen sollen. Dazu gehören auch die Schulden.
  • 3

BerlinDas Bruttoinlandsprodukt (BIP) soll künftig nicht mehr alleiniger Maßstab für Wohlstand, Wachstum und Lebensqualität in Deutschland sein. Das geht aus einem Bericht der vom Bundestag eingesetzten Enquête-Kommission hervor, der am Montag verabschiedet wurde. Darin werden zehn Messwerte vorgeschlagen, die künftig Aufschluss über Wohlstand, Teilhabe und Ökologie geben sollen.

Das BIP misst den Wert aller Güter und Dienstleistungen, die in einem Jahr erstellt werden. Die Verteilung der Einkommen und der Vermögen sowie den „Wohlstand mindernde Schäden wirtschaftlicher Aktivitäten“ wie Umweltverschmutzung oder Wirtschaftskriminalität würden dabei jedoch nicht angemessen berücksichtigt, heißt es in dem AFP vorliegenden Abschlussbericht der Projektgruppe 2 der Enquête-Kommission.

Diese befasste sich in den vergangenen zwei Jahren mit der „Entwicklung eines ganzheitlichen Wohlstands- beziehungsweise Fortschrittsindikators“. Nun schlägt sie das reale BIP pro Kopf, das den durchschnittlichen Anteil pro Einwohner an der wirtschaftlichen Leistung repräsentiert, sowie neun weitere Leitindikatoren vor, „damit ein umfassendes Bild gesellschaftlichen Wohlstands entstehen kann“.

Zur Einschätzung des materiellen Wohlstands sollen künftig neben dem BIP pro Kopf auch die Verteilung der Einkommen und die Staatschulden aufgeführt werden. Der Umweltaspekt soll durch Angaben zu den nationalen Treibhausgasen, zum Stickstoffkreislauf und zur Artenvielfalt berücksichtigt werden. Auskunft über die Lebensqualität in Deutschland sollen die Leitindikatoren Beschäftigung, Bildung, Lebenserwartung und Freiheit geben. Zur Vermeidung neuer Krisen sollen einzelne Werte wie Unterbeschäftigung, Nettoinvestitionen oder die globalen Treibhausemissionen als „Frühwarnindikatoren“ oder „Warnlampen“ gelten.

Die Enquête-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ mit insgesamt fünf Projektgruppen hatte im Januar 2011 ihre Arbeit aufgenommen und wird voraussichtlich im Mai ihren Abschlussbericht vorlegen. „Wir wollen das noch diese Legislaturperiode über die Bühne bringen“, sagte die Vorsitzende der Kommission, Daniela Kolbe (SPD), der „Süddeutschen Zeitung“ vom Montag.

Edelgard Bulmahn, Sprecherin der Enquête-AG der SPD-Fraktion, nannte das Wohlstandstableau einen guten „Kompromiss aus Vollständigkeit und Übersichtlichkeit“. Der Obmann der Grünen, Hermann Ott, kritisierte hingegen das „Indikatorenwirrwarr“. Seine Fraktion trete für einen grünen „Wohlstandskompass“ mit vier Messwerten ein: dem BIP pro Kopf, der Einkommensverteilung, einem „ökologischen Fußabdruck“ sowie einer Befragung zur Lebenszufriedenheit.
Auch die Linke hält in einem Sondervotum im Bericht fest, sie lehne den „aufgeblähten“ Indikatorensatz ab, da er „politisch abwegig und nicht kommunizierbar“ sei.

Agentur
afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Initiative des Bundestags: Wohlstand nach neuem Maß"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Es geht doch um eines: man will eine stabilisierende Wirkung erreichen!

    Vielleicht ist es in dieser Absicht ein konstruktiver Gedanke die Grammzahl, das angegebene Gewicht auf der Packung in den Index einfließen zu lassen.

    Unseriös werden viel entgegen halten. Das denke ich nicht. Es ist so transparent unsinnig, dass ein Jeder das versteht. Den Bürgern 2 % Inflationsrate unter die Nase zu halten und nach 10 Jahren eine Verdoppelung der Verbraucherpreise zu haben, das ist hochgradig unseriös.

  • Was soll denn mit den neuen Indikatoren erreicht werden?

    Der BIP ist seit jahrzehnte ein hilfreicher Indikator. Trotz seiner Schwächen haben die Marktakteure ihn "zu verstehen" gelernt - und werden ihn weiter nutzen.

    Was soll denn ein "Glücksehlichkeits-Index" (Butan) aussagen, welche Entscheidungen soll den wer aufgrund seiner Veränderung treffen?

    Nein, eine teure Kommission hat wieder Steuergeld verschwendet! Na ja, vielleicht hätten die Mitglieder ja auch in der Zeit weitaus schlimmeres tun können!

  • Niemand, der nur ein wenig von Statistik und Ökonomie versteht, hat jemals behauptet, daß allein mit dem BIP Wohlstand und Lebensqualität gemessen werden kann. Nicht einmal die Leistung einer Volkswirtschaft ist korrekt zu ermitteln, weil die notwendigen Basisdaten überhaupt nicht bekannt sind.

    Man darf gespannt sein, wie denn wohl für die nun zusätzlich geforderten Messgrößen die erforderlichen Daten gesammelt werden sollen. Da stecken soviel Unwägbarkeiten und subjetive Wertigkeiten drin - das Chaos ist vorprogrammiert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%