Interview
„Abgabenerhöhungen sind kaum zu vermeiden“

Die Bundesbank schätzt den Konjunkturverlauf in diesem Jahr inzwischen deutlich positiver ein als bisher. „Für das gesamte Jahr erwarten wir jetzt einen Rückgang der Wirtschaftsleistung von rund fünf Prozent“, sagte Bundesbankpräsident Axel Weber. Doch den Spielraum für Entlastungen sieht er nicht.
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Herr Weber, wie stabil ist das Finanzsystem ein Jahr nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman?

Das Finanzsystem ist heute schon ein Stück sicherer, der Weltfinanzgipfel am heutigen Donnerstag in Pittsburgh wird weitere Fortschritte bringen. Dort liegt ein Paket von Maßnahmen beschlussreif auf dem Tisch, das die Finanzstabilität nachhaltig verbessern wird. Die internationale Gemeinschaft hat erkannt, was auf dem Spiel steht.

Trotzdem ist von neuen Regeln noch nicht viel zu sehen.

Sie sind aber auf den Weg gebracht. Die internationale Zusammenarbeit von Regierungen, Regulatoren und Aufsehern ist so gut wie nie zuvor. Alle haben sich auf schärfere Regeln verständigt, die zügig eingeführt werden sollen, ohne dabei die Konjunkturerholung zu gefährden. Für Banken wird es erheblich strengere Eigenkapital- und Liquiditätsregeln geben. Auch bei der Regulierung von Ratingagenturen, Schattenbanken, Hedge Fonds und anderen bislang unregulierten Finanzinstitutionen wurden Fortschritte erzielt.

Was ändert sich für Banken?

Durch die strengeren regulatorischen Vorgaben wird das Bankgeschäft künftig weniger rentabel. Auch Größenvorteile werden abnehmen, schiere Größe bei Banken wird sich nicht mehr auszahlen.

Eigenkapitalrenditen von 25 Prozent gehören der Vergangenheit an?

Solche Renditen werden schwerer zu erzielen sein. Die höheren Eigenkapitalanforderungen und die neuen Liquiditätsvorschriften werden es erschweren, durch Eingehen großer Risiken hohe Erträge zu erwirtschaften.

Wird es weiter systemrelevante Banken geben, die in Krisenzeiten vom Staat aufgefangen werden?

Systemrelevanz bemisst sich nicht allein an der Größe einer Bank, sondern zum Beispiel auch an ihrer Vernetzung im System. Solche Banken sollten höhere Eigenkapitalpuffer aufweisen, höhere Standards beim Risikomanagement erfüllen und sie werden intensiver beaufsichtigt werden. Das Systemrisiko wird dadurch deutlich sinken.

Und Gehaltszahlungen und Boni bei Banken werden künftig gedeckelt?

Auf alle Fälle gilt: Solange das System gestützt werden muss, ist nicht die Zeit für hohe Dividenden und Boni. Künftig wird es schärfere Vergütungsregeln, geben, etwa was das Verhältnis von festen zu variablen Gehältern angeht. Garantierte Boni sind inakzeptabel. Boni sollten sich am mittelfristigen Erfolg orientieren. Sie müssen künftig auch sinken können, wenn Verluste eintreten. Vom Vergütungssystem dürfen keine falschen Anreize ausgehen. Die Banken haben verstanden, dass die Aufseher die alten Systeme nicht mehr dulden.

Die Diskussion über eine Kreditklemme reißt nicht ab. Gibt es Engpässe?

Eine akute Kreditklemme sieht die Bundesbank nicht. Die Kreditvergabe an Unternehmen hat zwar an Dynamik verloren, dies steht aber in Einklang mit den Erfahrungen aus vergangenen Konjunktureinbrüchen. Weil die Unternehmen weniger investieren, werden insgesamt weniger Kredite nachgefragt. Kleinere Banken und Sparkassen haben ihre Angebote zur Finanzierung des Mittelstands sogar ausgeweitet.

Banken und Sparkassen erfüllen also ihre Aufgabe.

Das Kreditgeschäft läuft abgesehen von einigen dynamischen Marktsegmenten zwar schleppend. Im Großen und Ganzen geben die Institute jedoch die günstigen Konditionen, die die Europäische Zentralbank (EZB) für die kurzfristigen Zinsen vorgibt, zeitlich verzögert weitgehend an Unternehmen und Verbraucher weiter.

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