Interview: „Der politische Druck war viel zu groß“

Interview
„Der politische Druck war viel zu groß“

Dieter Pohmer war von 1984 bis 1991 Mitglied des Sachverständigenrates der Bundesregierung zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Er sagt: Die wirtschaftspolitischen Entscheidungen in Ostdeutschland nach der Wende waren ökononisch grundfalsch, politisch aber unausweichlich.

Herr Pohmer, Sie haben Deutschlands Politiker zur Zeit der Wiedervereinigung beraten. Den damals Verantwortlichen wird oft vorgeworfen, mit ökonomischer Unvernunft gehandelt zu haben. Zu Recht?

Die Kritik ist berechtigt, ja. Und sie ist es auch wieder nicht. Aus ökonomischer Sicht waren viele Entscheidungen zwar entsetzlich falsch. Das haben wir damals nachdrücklich betont. Dennoch haben auch wir später im Gutachten die politische Entscheidung eingesehen: Die Regierung hätte nicht anders handeln können.

Warum nicht?

Der politische Druck war viel zu groß. Auch in Ostdeutschland. Viele Bürger wollten weder den westdeutschen, noch den ostdeutschen – sie wollen einen dritten Weg gehen.

Rechtfertigt all das wirtschaftspolitische Fehler?

Die Bedingungen, die damals festgeklopft wurden, waren eben nicht wirtschaftlich motiviert, sondern entsprangen dem engen Zeitfenster, das die Regierung für die Wiedervereinigung sah. Deshalb ist diese gegen unseren Rat zu früh und zu Bedingungen für den Währungsumtausch erfolgt, die die ostdeutsche Bevölkerung scheinbar begünstigten.

Hohe Löhne als „Ruhigsteller“?

Wenn man so will: Ja.

Waren die Politiker bei so viel Druck beratungsresistent?

Das kann man im Nachhinein so sagen. Ich war damals für die finanzwissenschaftlichen Fragen zuständig, mein Draht ging direkt ins Haus Waigel. Dort standen wir dann, haben unsere Ratschläge ökonomisch begründet, sind auch auf Wohlwollen gestoßen – und das Gegenteil dessen wurde umgesetzt.

Was waren das für Ratschläge?

Wir waren der Meinung, die Wiedervereinigung lässt sich nicht übers Knie brechen. Der Aufbau einer marktwirtschaftlichen Ordnung ist kein Selbstläufer. Das hatte uns schon die Währungsreform von 1948 gelehrt. Hätte man die ostdeutsche Wirtschaft vor der innen- und außenwirtschaftlichen Konkurrenz zunächst geschützt, hätte sie sich besser entfalten können. Davon bin ich überzeugt.

Die Fragen stellte Dorit Heß.

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