Interview mit Bundesbank-Chef Axel Weber
Weber stellt sich gegen Ackermann

Die Kapitalmärkte sind nach der Fast-Pleite der US-Investmentbank Bear Stearns zutiefst verunsichert. Bundesbank-Chef Axel Weber spricht im Handelsblatt-Interview über das tatsächliche Ausmaß der Finanzkrise und dringt angesichts der dortigen Turbulenzen auf mehr Transparenz. Gleichzeitig lehnt er eine konzertierte Aktion zur Bekämpfung der Krise ab und spielt den Ball an Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und seine Kollegen von anderen Instituten zurück.

Handelsblatt: Herr Weber, die Finanzmärkte kommen nicht zur Ruhe. Gerade musste die US-Investmentbank Bear Stearns vor dem Zusammenbruch gerettet werden. Was ist eigentlich los?

Axel Weber: Die Märkte sind verunsichert. Die Übernahme der Investmentbank Bear Stearns durch J.P. Morgan Chase und die von der Federal Reserve beschlossene Maßnahmen sind jedoch meines Erachtens geeignet und zielführend, um einen positiven Effekt auf die Marktliquidität auszuüben und die Funktionsfähigkeit der Finanzmärkte zu fördern. Eine nennenswerte abrupte Zunahme der Anspannungen an den europäischen Geldmärkten können wir derzeit nicht feststellen, bei den Marktteilnehmern herrscht jedoch Nervosität. Deshalb ist nach wie vor ein stärkeres Bemühen um Transparenz durch Offenlegung der Risiken gefordert, nicht zuletzt um das Vertrauen zwischen den Marktteilnehmern zu fördern.

Woran liegt die Vertrauenskrise an den Märkten?

Was wir zur Zeit an den Finanzmärkten erleben ist eine weitere Runde der Verunsicherung, und die führt wieder zu Anspannungen in verschiedenen Marktsegmenten. Der Hauptgrund dafür ist ein andauernder Mangel an Transparenz. Die Marktteilnehmer brauchen Klarheit über alle Risiken, die sich bei den Gegenparteien befinden.

Wie lässt sich diese Unsicherheit beseitigen?

Alle Finanzmarktteilnehmer sind aufgefordert, zeitnah über ihre Risiken zu informieren. Unsicherheit ist nur durch Offenlegung des Wertberichtigungsbedarfs zu beseitigen. Transparenz ist und bleibt das Gebot der Stunde. Das gilt nicht nur für die regulierten Banken, sondern für alle Finanzmarktakteure – die Fonds, Private Equity-Unternehmen und Hedge Fonds eingeschlossen. Die jüngsten zusätzlichen Verwerfungen resultieren ja nicht nur aus dem erneuten Wertberichtigungsbedarf von beaufsichtigten Kreditinstituten, die ihre Bilanzen vorlegen müssen, sondern auch aus Problemen beim Liquiditätszugang von Investmentbanken sowie aus Solvenzproblemen bei einzelnen Private Equity-Unternehmen oder Hedge Fonds.

Hieß es nicht zunächst, die Probleme seien mit der Vorlage der testierten Jahresbilanzen der Banken ausgestanden?

Die Vorlage der Jahresbilanzen ist ein Schritt, der zu mehr Transparenz beigetragen hat. Mit dem Bilanzstichtag endete jedoch nicht die Anpassungsphase an den Märkten. Insoweit war nicht zu erwarten, dass mit der Vorlage der Jahresendbilanzen die Turbulenzen und der Wertberichtigungsbedarf in den Bilanzen endgültig hinter uns lägen. Man sollte jedoch eines nicht verkennen: Die Banken haben mit ihren testierten Jahresbilanzen zumindest eine für den Markt wichtige und nachvollziehbare Momentaufnahme ihres Risikoprofils geliefert. Da sich die Märkte im ersten Quartal noch einmal verschlechtert haben, hat sich weiterer Wertberichtigungsbedarf ergeben. Das werden die Quartalsbilanzen zeigen, und in den USA hat ja diese Woche die Berichtsperiode begonnen. Was Ende 2008 in die Jahresbilanzen aufgenommen werden muss, hängt entscheidend von der weiteren Marktentwicklung ab, die nach wie vor durch Abwärtsrisiken gekennzeichnet ist. Aber die Marktteilnehmer selbst können einen wichtigen Beitrag zur Begrenzung der Risiken leisten.

Welchen denn?

Sie halten einen wichtigen Schlüssel für die weitere Entwicklung der Märkte in den nächsten neun Monaten selbst in der Hand. Es mangelt derzeit an gegenseitigem Vertrauen. Aber auch hier gilt: Eine nennenswerte Marktberuhigung wird nur eintreten, wenn als vertrauensbildende Maßnahmen die Risiken zeitnah offen gelegt werden. Ferner gilt es, die Prozyklizität des Handels zu vermindern. Auch bilanzielle Wahlmöglichkeiten stehen offen, um stark risikobehaftete und durch Preisverfall gekennzeichnete Aktiva auf die Bilanz zu nehmen.

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