Interview mit Bundesbankpräsident Axel Weber
„Der Tiefpunkt kommt erst 2009“

Bundesbankpräsident Axel Weber sieht vorerst kein Ende der Finanzkrise. Im Exklusivinterview mit dem Handelsblatt prognostiziert er den Tiefpunkt der konjunkturellen Entwicklung gar erst für das nächste Jahr. Weber sieht dabei noch Spielraum für weitere Zinssenkungen – und betont die gute Ausgangslage Deutschlands.

Handelsblatt: Herr Weber, Sie sind als Professor in die Praxis gewechselt. Läuft die Finanzkrise eigentlich nach Lehrbuch ab?

Axel Weber: Nein, die Risikomodelle, die wir zur Verfügung hatten, bilden das, was seit der Lehman-Pleite passiert ist, nicht ab. Dieser Fall hat deutlich mehr Verwerfungen hervorgebracht, als es zu erwarten gewesen wäre. Die Konsequenz war, dass es zu einer vollkommenen Neubewertung der Kreditrisiken kam, nicht nur im Interbankengeschäft wegen der hohen Vernetzung von Lehman Brothers mit anderen Banken, sondern auch bei Unternehmen und Schwellenländern.

Wenn die Krise nicht nach Lehrbuch läuft, können Sie uns auch nicht sagen, wann sie zu Ende ist?

Die bisherige Erfahrung lehrt, nicht vorschnell von einem absehbaren Ende zu reden. Weitere Belastungen sind möglich: Die Finanzkrise greift zurzeit auf Schwellenländer über, ein globaler Konjunkturabschwung hat eingesetzt, Hedge-Fonds lösen Positionen auf, und ein Stopp des Preisverfalls für US-Immobilien - Ausgangspunkt der Krise - wird erst für Ende 2009 erwartet.

Also keine Erholung der Konjunktur in Sicht?

Ich glaube, dass wir den Tiefpunkt der konjunkturellen Entwicklung erst im nächsten Jahr hinter uns lassen.

Geht es etwas genauer?

Die erste Jahreshälfte 2009 dürfte noch mit einer Reihe von Herausforderungen verbunden sein.

Wird die Europäische Zentralbank mit Zinssenkungen gegensteuern?

Es gibt Spielraum für weitere Zinssenkungen. Die Energiepreise fallen, die Nahrungsmittel werden wieder günstiger, die Kapazitätsauslastung in der Industrie geht zurück. Das alles wird die Inflation drücken ...

... und in eine Deflation münden, meint die Basler Bank der Zentralbanken.

Das ist nicht unser Basisszenario. Wir erwarten 2009 in Deutschland eine Halbierung der Inflationsrate. Auch im Euro-Raum dürfte kurz- bis mittelfristig die Preisstabilität gewährleistet sein. Daher haben wir die Möglichkeit, andere Ziele der Wirtschaftspolitik zu unterstützen, wie das Abfedern einer stärkeren konjunkturellen Abkühlung.

Das Risiko sehen Sie?

Es bestehen in der Tat Risiken für die Wirtschaftsentwicklung, und diese gehen mit sinkenden Inflationsraten einher.

Also stehen bei uns weitere Zinssenkungen an wie in den USA. Verpuffen die nicht?

Änderungen in der Geldpolitik brauchen einige Zeit, bis sie ihre volle Wirkung entfalten. Deswegen wird es in den USA noch positive Auswirkungen der Zinssenkungen geben, die jetzt noch nicht in den aktuellen realwirtschaftlichen Daten zu sehen sind.

Die Märkte erwarten, dass der Euro-Leitzins bis Mitte 2009 auf 2,5 Prozent sinkt. Passt die Einschätzung?

Die Richtung, die wir eingeschlagen haben, ist an den Märkten richtig erfasst worden. Ich sehe keinen Grund, die Erwartungen der Märkte im Detail zu kommentieren.

Wenn die Zentralbank ihre Hausaufgaben macht, was muss die Regierung tun?

Wenn die automatischen Stabilisatoren nicht ausreichen, muss sie gegebenenfalls aktiv gegensteuern. Die günstigere ausgeglichene Haushaltslage erlaubt dies in Deutschland.

In anderen Länder nicht?

Ich will nicht mit dem Finger auf andere Länder zeigen.

Sprechen Sie von Italien, Frankreich, Griechenland?

Einige unserer großen Nachbarländer haben in den vergangenen Jahren nicht die gleichen Konsolidierungsbemühungen unternommen wie die Bundesregierung und deswegen jetzt auch nicht die gleichen Spielräume. Bei uns ist die Ausgangslage dagegen günstiger. Die Unternehmensbilanzen sind solide, die meisten privaten Haushalte nicht überschuldet.

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