Interview mit Gerd Häusler
Rettungspaket: „Der Markt wird die Banken zwingen“

Der ehemalige IWF-Direktor und Finanzexperte Gerd Häusler empfiehlt deutschen Geldhäusern, den Rettungsfonds in Anspruch zu nehmen und warnt vor den Nachteilen für die Privatbanken in Deutschland, sollten sie sich weiter zieren. Zugleich fordert er eine Exit-Strategie des Staates.

Handelsblatt: Herr Häusler, bisher haben erst drei Landesbanken und die Hypo Real Estate Interesse am Rettungspaket der Bundesregierung geäußert. Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?

Häusler: Es ist wichtig und richtig, dass es dieses Stabilisierungspaket gibt. Banken, die Eigenkapitalhilfen brauchen, können diese nunmehr auch verlässlich bekommen. Für mindestens so wichtig halte ich das Angebot des Staates, Garantien für Bankverbindlichkeiten zu vergeben, damit endlich der Interbankenmarkt wieder in Gang kommt. Dass sich mit den Landesbanken und der Hypo Real Estate zunächst die Kreditinstitute gemeldet haben, die den dringendsten Bedarf haben, erscheint mir nachvollziehbar. Ich erwarte aber, dass bald auch andere Institute nachziehen werden. Der Kapitalmarkt wird sie auf Dauer dazu zwingen.

Finanzminister Steinbrück hat die Banker gewarnt, aus falschem Prestigedenken die Staatshilfen abzulehnen. Wie lange wird es dauern, bis der Bund sie unter den Rettungsschirm zwingt?

Dazu wird es nicht einmal eines staatlichen Zwanges bedürfen. Auf der einen Seite ist es legitim, wenn, Bankvorstände die Interessen ihrer Aktionäre nicht aus dem Auge verlieren und nicht leichtfertig zu einer Kapitalerhöhung greifen, die den Aktienkurs kräftig verwässert. Auf der anderen Seite wird der entscheidende Druck, sich Kapital vom Staat zu holen, von den internationalen Finanzmärkten kommen. Wenn deutsche Banken im internationalen Vergleich nicht ausreichend kapitalisiert sind, weil anderswo die wichtigsten Geldhäuser reihenweise staatliches Kapital angenommen haben, werden sie an Wettbewerbsfähigkeit verlieren und an einer Konsolidierung im Bankensektor nur noch passiv teilnehmen. Daran kann keinem strategisch denkenden Bankvorstand gelegen sein. Und wo soll denn zusätzliches Kapital derzeit herkommen? Nicht jeder hat eine Deutsche Post als Großaktionär.

Welche Kernkapitalquote, Experten sprechen genauer gesagt von Tier-1, sollten Bund und Banken denn anstreben? Reichen zehn Prozent?

Diese Zahl wird immer wieder genannt und im Ausland ansatzweise auch schon faktisch praktiziert. Für den Rest der Welt sehen wir hier bald die normative Kraft des Faktischen.

Nach der Logik müssten alle Bankhäuser nach dem Rettungsfonds greifen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass auch die Privatbanken die Staatshilfen sehr genau prüfen werden, spätestens wenn sie weitere Quartals- bzw. Jahresendbilanzen vorlegen müssen. Während wir vielfach noch in Fragen von Moral und Prestige verharren, machen die USA, Frankreich oder auch Großbritannien Industriepolitik. Hochkapitalisierte Banken besitzen dort nicht nur größere „Stoßdämpfer“ für weitere negative Entwicklungen am Kapitalmarkt, sondern können, wie beispielsweise in Großbritannien, auch die Kreditvergabe an ihre Kundschaft ankurbeln, die andernfalls gedrosselt werden müsste. Letzteres wollen wir in Deutschland aber nicht erleben. Nicht zuletzt können Banken mit reichlich Eigenkapital dieses auch bei Übernahmen einsetzen, wie wir fast täglich in den USA erleben können.

Manche Bankmanager fürchten, dass der Staat, wenn er sich erst einmal an einem Geldhaus beteiligt hat, gar nicht mehr aussteigen will.

Der Bund hat bisher noch nicht dargelegt, wie er wieder aus dem Bankensektor aussteigen will. Da gäbe es innovative Exit-Strategien zu diskutieren, um die Staatskasse zu schonen. Damit hängt auch die Frage zusammen, was mit den Banken geschehen soll, die sich bislang schon am Markt schwergetan haben und nunmehr unter Staatsschutz gestellt werden. Das Rettungspaket des Staates hat nochmals das Thema „Marktaustritt für Kreditinstitute“ dringlich gemacht. Wenn der Staat dieses wichtige Element der Marktwirtschaft suspendiert, muss er in eigener Verantwortung Ersatz dafür schaffen und erfolglose Banken aus dem Markt drängen, natürlich in geregelten und verträglichen Bahnen. Es darf nicht sein, dass ineffiziente Banken mit einem nicht überlebensfähigen Geschäftsmodell dank der Staatshilfen überleben und gleichzeitig mit Krediten zu Dumping-Konditionen den gesunden Konkurrenten das Geschäft kaputtmachen. In den nächsten Wochen und Monaten gibt es die historische Chance, eine Blaupause für eine grundlegende Konsolidierung des Bankensektors in Deutschland zu entwerfen und diese mit Hilfe des benötigten staatlichen Kapitals zu erzwingen.

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