Interview mit Hanns-Eberhard Schleyer
„Mangel an Lehrlingen schon in Sicht“

Mit Blick auf die anhaltende Erholung am Arbeitsmarkt warnt das Handwerk bereits vor einem absehbaren Mangel an Lehrlingen. Im Gespräch mit dem Handelsblatt erklärt Hanns-Eberhard Schleyer, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, dass in vielen Betrieben erstmals seit Jahren wieder händeringend qualifizierte Bewerber gesucht werden.

Handelsblatt: Am Arbeitsmarkt geht es beständig nach oben. Wann ist die Spitze des Jobbooms erreicht?

Schleyer: Die Exportwirtschaft, ihre Dienstleister und die handwerklichen Zulieferer sorgen noch für Dynamik bei der Beschäftigung. Die Jobverluste in anderen Bereichen, etwa bei Banken und Versicherungen, werden damit wettgemacht. Die Konsumenten drehen jedoch weiter jeden Euro um. Das bringt bei konsumnahen Betrieben Beschäftigungsprobleme mit sich – etwa im Bau- und Ausbauhandwerk oder bei Dienstleistern wie den Friseuren.

Was sind aus Ihrer Sicht die Haupthindernisse für eine dauerhafte Belebung am Arbeitsmarkt? Der Aufwärtstrend hält an, aber Spekulationen über Vollbeschäftigung reichen nicht. Die Arbeitsmarktstrukturen – etwa der rigide Kündigungsschutz – verhindern mehr reguläre Beschäftigung. Auch die wieder steigenden Lohnzusatzkosten bremsen den Arbeitsplatzaufbau. Ferner frisst die Steuerprogression Lohnsteigerungen auf, netto bleibt zu wenig übrig, das dämpft die Konsumlust. Dazu kommt der Facharbeitermangel. Für die Boombranchen wird es immer schwieriger, gute Leute zu finden.

Es gibt wieder genug Lehrstellen. Ist bereits ein Mangel an Auszubildenden absehbar?

Im Osten wird dieser Mangel 2008 bereits deutlich, in den alten Bundesländern erst in drei Jahren. Aber jetzt schon verfügen zu wenige Schulabgänger über eine ausreichende Vorbildung. Die Qualifizierungsoffensive der Bundesregierung muss um Maßnahmen der Länder ergänzt werden. Vor allem eine frühe Zusammenarbeit zwischen Schule und Wirtschaft ist notwendig.

Welchen Beitrag kann die Tarifpolitik noch leisten?

Die Spaltung in der Gesellschaft setzt sich am Arbeitsmarkt fort. Immer mehr Menschen kommen finanziell kaum noch über die Runden, einer kleinen Gruppe geht es dafür immer besser. Tarifverträge, an die sich alle Unternehmen und Arbeitnehmer halten können, kommen zunehmend unter Druck. Sie unterliegen dem Diktat des Marktes, der Flexibilität und qualitative wie preisliche Anforderungen stellt. Das bringt neue Formen der Arbeit und Arbeitsorganisation mit sich. Das wirkt sich nicht nur in der Industrie, sondern auch im Mittelstand aus. Die Tarifvertragsparteien müssen mehr Gestaltungswillen zeigen.

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