Interview mit Jörg Zeuner
„Für einen Griechenland-Austritt ist es zu spät“

Griechenland soll in der Eurozone bleiben, sagt Jörg Zeuner. Im Interview spricht der neue Chefvolkswirt der KfW über die schlechte Stimmung in der deutschen Wirtschaft, harte Zahlen und Fortschritte in der Euro-Krise.
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FrankfurtHerr Zeuner, die Stimmungsindikatoren für die deutsche Wirtschaft zeigen keine klare Richtung. Die Erwartungen der Finanzmarktexperten im ZEW-Index sind zuletzt gestiegen. Andere Indikatoren wie der Ifo-Index gefallen. Was erwarten Sie?
Die Stimmung wird besser. Normalerweise laufen die Stimmungsindikatoren der Wirtschaftslage voraus. Im Sommer sorgte die Eurokrise aber für Übertreibungen nach unten. Harte Zahlen wie der Export im August fielen überraschend gut aus. Wir gehen davon aus, dass die deutsche Wirtschaft auch im vierten Quartal leicht wächst.

Wendet sich die Stimmung jetzt?
An den Anleihe- und Aktienmärkten sehen wir das schon. Von einer konjunkturellen Wende zu sprechen, ist mir aber zu früh. Bisher haben wir nur wenige Daten, die das zeigen.

Welchen Einfluss hat die Geldpolitik?

Die EZB hat die Finanzmärkte stabilisiert. Sie kauft in Zukunft Anleihen von Reformländern, wenn sie es für nötig hält. Die US-Notenbank stützt weiter die Konjunktur. Auch die asiatischen Notenbanken sind dazu übergegangen, die Zinsen zu senken.

Was spricht sonst noch dafür, dass es aufwärts geht?

Wir rechnen mit soliden Wachstumsraten in den USA und in Asien sowie stabilen Rohstoffpreisen. All dies verbessert das globale Umfeld für Deutschland und Europa. Wenn sich das bestätigt, werden die Investitionen der Unternehmen wieder steigen. Der Konsum ist stabil, solange die Reallöhne moderat steigen. Dynamisch entwickelt sich der Wohnungsbau.

Manche warnen schon vor einer Immobilienblase in Deutschland. Zu Recht?

Das ist übertrieben. Die Wohnungspreise steigen wegen der niedrigen Zinsen und weil es momentan eine  Präferenz für Sachanlagen gibt. Das wird sich auch wieder ändern. Wenn sie die Preisentwicklung mit Spanien und den USA vergleichen, dann hat der Anstieg auch längst nicht das Tempo, das er in diesen Ländern vor 2008 hatte.

War Draghis Ankündigung, im Notfall unbegrenzt Anleihen der Krisenländer zu kaufen,  alternativlos?

Sie war richtig. Die Stimmung im Sommer war so schlecht, dass die EZB handeln musste. Es floss viel zu viel Kapital aus den Reformländern ab. Die EZB weist zu Recht auf den gestörten Kreditkanal hin und auf das zu niedrige Neukreditgeschäft in den Peripherie-Ländern. Die hohe Unsicherheit bei den weltweiten Investoren ist der Hauptgrund dafür. Die EZB ist zu dem Schluss gekommen, dass das Anleihekaufprogramm der beste Weg ist um den Kapitalabfluss zu bremsen, den gestörten Kreditkanal zu reparieren und gleichzeitig die Reformen in Gang zu halten. Sie hat dann konsequent gehandelt.

Kommentare zu " Interview mit Jörg Zeuner: „Für einen Griechenland-Austritt ist es zu spät“"

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  • Für Griechenland ist alles zu spät.
    Der Reigen der erschütternden Zahlen aus Griechenland reißt nicht ab.

    Die neuen Fakten legen eins nahe: Das Land ist eigentlich gar nicht mehr zu retten. Aber der politische Wille der Elite in Brüssel ist stärker – Griechenland soll auf jeden Fall gerettet werden.
    Das hat zuletzt noch einmal der Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble in einer unterhaltsamen Mischung aus Deutsch und Englisch festgestellt: „There will be no Staatsbankrott in Greece.“
    Doch das wird kaum noch zu verhindern sein – wenn man die Zahlen des Internationalen Währungsfonds (IWF) hier als Maßstab nimmt.
    So hat es bis jetzt in den vergangenen vier Jahren eine Schrumpfung der griechischen Wirtschaft um 18,4% gegeben. Zudem erwartet der IWF für 2013 ein weiteres Absinken der Konjunktur um 4%.
    Nur zur Einordnung: Sollte es im kommenden Jahr tatsächlich dazu kommen, wäre das der größte Absturz einer Volkswirtschaft in den letzten drei Jahrzehnten.

    Mit diesen Zahlen nähert sich Griechenland bedrohlich den in der Vergangenheit fast ohne Beispiel dastehenden Einbrüchen zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise.

    Im Zeitraum zwischen 1929 und 1933 brach damals die US-Wirtschaft um 27% ein. Die deutsche Wirtschaft brachte es im gleichen Zeitraum sogar auf einen Einbruch von 34%.

    Für 2013 rechnet der IWF mit einem Anstieg der Schuldenquote im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung von 171 auf unglaubliche 182%. Der Anstieg hat zwei Gründe: zum einen steigen die Schulden weiter und gleichzeitig sinkt die Wirtschaftsleistung.

    Welcher Volkswirt kann bitte glaubwürdig und schlüssig darlegen, wie ein solches Land noch zu retten sei?
    Von offiziellen Stellen werden nur die Augen zu gemacht und
    dumm herum geschwätzt.

  • Zitat:„Für einen Griechenland-Austritt ist es zu spät“

    Wenn man in die falsche Richtung geht, ist es erst zu spät umzukehren, wenn man in die Schlucht gefallen ist.

    @HB-Online

    Zitat:"Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich."

    Eine Frage:

    Ist die Aussage von Merkel "Wenn der Euro stirbt, dann stirbt Europa" sachlich?

    Nein, diese Aussage ist emotional, nicht beweisbar und kann auch durchaus als fanatisch durchgehen, weil ein Währungssystem zum Goldenen Kalb erhoben wird.

    Die Aussagen unserer Politiker zum Euro wirken immer religiöser und wie ein Schwur der Treue bis zum Untergang und Tod. Man bemerkt auch einen immer stärkern Tunnelblick der Politiker. Das sind Vorboten für eine Überladung mit völlig irrationalen Handlungen.

    Ist das Verhalten unserer Politiker also "sachlich"?

    Ich denke, es ist das Gegenteil davon. Also lassen sie uns Trollen hier im Forum auch einen Spielraum.

    Bei ihrer Beschreibung der Trolle haben sie etwas vergessen. Trolle fressen Menschen und eine Zeitungsredaktion stellt hier keine Ausnahme dar, besonders dann nicht wenn sie Trolle ärgert.

    Aber dazu muss es nicht kommen. Haben sie sich schon mal gefragt, was sie für die Trolle hier tun können? Schließlich haben auch Trolle Gefühle.

    P.S.: Das Foto ist sehr gelungen:-)) Woher wissen sie von der Axt in meinem Monitor?





  • Alle Politiker und Wissenschaftler, die damals die Kritiker einer Euro-Einführung niedermachten, gehören heute mangels Vertrauensvorschuss von der Euro-Rettung bzw. Stabilisierung ausgeschlossen.

    Wer damals falsch lag, sollte heute den Mund halten und die anderen ran lassen!

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