Interview mit Norbert Walter
„Die Marktwirtschaft ist in Gefahr“

Provokante Thesen und eine hohe Medienpräsenz haben Norbert Walter zu Deutschlands bekanntestem Ökonomen gemacht. Im Interview mit dem Handelsblatt erklärt der scheidende Chefvolkswirt der Deutschen Bank, warum Deutschland die Krise noch nicht überstanden hat, wo die Politik dringend Konzepte entwickeln muss und welche Risiken die Staatseingriffe in die Wirtschaft bergen.
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Herr Walter, im vergangenen Jahr erregten Sie viel Aufmerksamkeit mit der Prognose, dass die deutsche Wirtschaft 2009 um vier Prozent schrumpft. Später haben Sie auf fünf Prozent erhöht und mussten dafür viel Kritik einstecken. Wie lautet Ihre Prognose für das kommende Jahr?

Ich bin diesmal sehr nahe am Konsens, was mich nicht stört. Ich glaube, dass wir beim Wachstum im Jahr 2010 zwischen ein und zwei Prozent liegen. Es wird getragen sein vom Export in die Schwellenländer und von den schon verabschiedeten staatlichen Ausgaben für Infrastrukturprojekte. Schwach wird der Konsum sein und auch die Investitionstätigkeit wird schwach bleiben.

Drohen neue Rückschläge oder hat die Konjunktur bereits das tiefe Tal verlassen?

Ich erwarte weiterhin das Szenario eines "Dreifach-U", eines Abschwungs mit drei Tälern. Ich sage nicht, dass wir noch einmal unter das Niveau von 2009 fallen, aber einige Folgen der Krise haben Deutschland noch nicht erreicht. Gegenmaßnahmen wie die Kurzarbeit oder das Abbummeln von Überstunden werden angesichts der Tiefe des Einbruchs in vielen Branchen vermutlich nicht ausreichen. Wir werden noch Entlassungen bekommen und 2010 auch sehr viel niedrigere Lohnabschlüsse sehen. Der Versuch, mit der Kurzarbeit eine Brücke über das Rezessionstal zu schlagen, hat zur Stabilisierung des privaten Verbrauchs geführt, die vermutlich aber nicht von Dauer sein wird. Laufen die Effekte aus, kommt es zum zweiten U.

Und wodurch entsteht das dritte?

Das dritte U tritt ein, wenn wir weltweit aus der Nullzinspolitik und aus den Finanzprogrammen aussteigen. Wenn das passiert, bekommen wir einen Schock an den Aktienmärkten, die derzeit von Liquidität getrieben werden und nicht von der fundamentalen Stärke der Unternehmen. In der Folge wird Eigenkapital teuer Das wird die Investitionstätigkeit zusätzlich belasten.

Ein Crash der Aktienkurse ist nur eines von mehreren Schreckensszenarien für die Märkte. Als weitere kursieren eine Hyperinflation oder ein "Blutbad" am Anleihemarkt. Wie realistisch sind diese Szenarien?

Ich glaube nicht, dass wir Inflation bekommen werden, nicht einmal in den USA. Ben Bernanke ist ein wesentlich konservativerer Zentralbankchef, als es Alan Greenspan war. Ich denke, dass er im Frühsommer 2010 die Zinsen anheben wird. Im Euro-Raum ist die Wahrscheinlichkeit für eine Inflation noch geringer: Ich bin absolut überzeugt, dass die EZB ihrer Aufgabe, Stabilität zu sichern, entsprechen wird. Inflationsraten über zwei Prozent wird sie nicht zulassen.

Und wenn die Notenbanken so handeln, wie ich es erwarte, wird es auch keinen Crash am Anleihemarkt geben. Ich vermute allerdings, dass sich die Sparer der Welt darauf einstellen müssen, dass Zinsen für festverzinsliche Papiere aus seriösen Ländern nicht mehr bei sieben, acht oder neun Prozent liegen werden, sondern bei drei oder vier Prozent.

Wird die EZB die Zinswende ebenfalls im Sommer einläuten?

Die EZB wird die Zinsen nicht so früh heraufsetzen wie die Fed. Ich glaube, dass die Russen, Araber und Chinesen mehr Dollar haben als ihnen lieb ist und eher in Euro diversifizieren wollen. Daher befürchte ich, dass der Dollar noch schwächer wird und nicht stärker. Wenn aber der Dollar bei 1,60 Euro liegt, importieren wir Stabilität über sinkende Importpreise und brauchen nicht höhere Zinsen durch die EZB, um Inflation zu vermeiden. Zudem bekommen wir über den starken Euro auch noch eine Gefährdung der Wettbewerbsfähigkeit unseres Exportsektors und das wird die Konjunktur dämpfen. Es ist also gut möglich, dass es bis Weihnachten 2010 dauert, bis die EZB die Zinsen heraufsetzt.

Hat sich die EZB in den Monaten der Krise angemessen verhalten?

Ja, absolut. Ich habe die EZB auch verteidigt, als sie im September 2008 noch einmal die Zinsen erhöht hat. Damals gab es ja ganz viele Neunmalkluge, die der EZB gesagt haben, dass das rezessionsverschärfend gewesen sei. Die Politik der EZB wird aber nicht im luftleeren Raum gemacht und auch nicht im Seminar in Harvard, sondern in der europäischen Wirklichkeit. Und die europäische Wirklichkeit war damals so, dass die Bürger geglaubt haben, dass die richtig gemessene Inflation nicht 3,8 Prozent, sondern 13 Prozent betrage. Wenn man eine neurotische Bevölkerung hat, die glaubt, die Inflationsrate liegt bei 13 Prozent, kann man die Zinsen nicht zügig zurückfahren. Die EZB hat damals viel Umsicht bewiesen, und das tut sie auch heute.

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  • Einfachste Lösung aber?

    Man kann immer begründen und Argumentieren, es ist alles Vergebens und nicht einmal für die Katz was wert.

    SOLANGE KAPiTALiSMUS DAS CHRONiSCH KRANK (Gier) iST UND bLEibT WiRD ES WEiTER auf sich beruhen WELTWEiT.

    Jeder Einzelne ist daran gefordert etwas dagegen zu tun, im wahrsten Sinne des Wortes.

    HOCHACHTUNGSVOLL

  • Wenn ich von dem Vorschlag "PKW-Maut" mal absehe, kann ich nur sagen, Walter blickts (als einer von wenigen in Deutschland).
    insbesondere die Forderung nach einer höheren Eigenkapitalquote für grosse banken (am besten proportional zur bilanzsumme)trifft ins Schwarze, auch deswegen, weil dadurch die Megalomanie der banken und der ständige Konzentrationsprozess ausgebremst würde. Aber der Vorschlag ist viel zu vernünftig und zu einfach, als dass er realisiert würde.

  • Das Gute an Herrn Walter ist, dass er glaubwuerdig und kontinuierlich mahnt und warnt. ich hoffe, er kommentiert weiterhin. Ohne Ruecksicht auf eine Gehaltstuete.

    ich sehe die Risiken/Handlungsbedarf wo:

    Staatsquote; zu hoch und, da vieles in der Verwaltung veraltet ist, unproduktiv

    bildung: entruempeln und auf die Zukunft ausrichten

    Steuern: runter

    bundeswehr: berufsarmee. Spart Milliarden.

    Foedern von industrieller inovation in allen Formen

    Anreize schaffen, dass ausgebildete Menschen das Land nicht mehr verlassen

    Globale Kontrollinstanzen. Haben total versagt. Minimum europaeische instanzen in Kooperation mit USA/Japan/China

    Mehr Kapital bei banken. Liquiditaestgrungsaetze verschaerfen.

    Die Mentalitaet der Entscheidungstraeger geht immer mehr von Verantwortung zu schnellem Spiel. Es gab Zeiten, da war es eine Ehre in einer Leitungsfunktion zu sein. War nicht so verkehrt.
    Zb wenn sich jemand das "A" Rating bei Subprime deals angesehen haette und haette sich gefragt, wie die Ratingagenturen eigentlich die einbezogenen tausend/en von Hypotheken prueft, haette er nicht investiert.

    Japan und die USA laufen noch, weil die Zinsen niedrig sind. Das geht in Japan schon 2o Jahre so. Und wielange noch? Niemand weiss die Antwort. Nicht so gut. in den USA fehlen Grundinvestitionen zb infrastruktur. irgendwann wird das Land soweit Pleite sein, dass niemand mehr (im wesentlichen Auslaneder) die Anleihen kauft. Deswegen sehe ich den Zins fuer 3o jaherige Staatsanleihen eher bei 15%. Geht nicht. Und was sagt uns das?

    China: hat so seine Probleme. zb werden massiv Firmen unterstuetzt mit bankkreidt, die es nicht wert sind. Was passiert, wenn in China die Liquiditaet ebbt? Man stelle sich vor Japan und China muessen eines Tages ihre US bonds verkaufen.

    Australien haengt an dem Rohstoffexport nach Asien. im Moment gut. Aber wo sind Alternativen, um einen Rueckgang dieser Exporte aufzufangen?

    Was wird aus den Aktienmaerkten, sollte die billige und massive Liquidataet seitens der Zentralbanken ebben?

    Rohstoffversorung sollte kein Problem sein, ebenso inflation, es sei denn, Geld verliert durch Staatsbankrotte seinen inhalt.

    Sitzen wir nicht alle in einem Schiff, dass zu gross, zu schnell ist und zu schlecht gebaut? Von einer Steuerung ganz zu schweigen?

    ich wollte vor 2o Jahren eine Farm in Neu Zealand kaufen. Habe es nicht getan, weil es dort doch reichlich langweilig ist. besonders auf einer Farm. Vielleicht waere es eine Loesung gewesen. Oder lieber mitmachen, in der Hoffnung, das doch wieder gut geht?

    Es gruesst
    Rainer Repke

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