Interview mit Philipp Hildebrand
„Wir müssen inhaltlich glänzen“

Angesichts der größten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit überbieten sich die Staaten mit Konjunkturprogrammen. Dabei pendeln die Gefahrenpotenziale zwischen Deflation und Inflation. Im Gespräch mit dem Handelsblatt äußert sich Philipp Hildebrand, designierter Präsident der Schweizer Nationalbank, zu Maßnahmen und Prognosen – und erklärt seine eigene Linie.

Handelsblatt: Herr Hildebrand, die Wachstumsprognosen werden immer schlechter. Die Staaten überbieten sich mit Konjunkturprogrammen. Was steht uns ins Haus?

Hildebrand: Es ist die größte und die komplexeste Krise der Nachkriegszeit. Das ist unbestritten. Somit müssen wir auch akzeptieren, dass die Unsicherheit in der Analyse und in der Prognose sehr groß ist. Richtig ist, dass die Daten weiterhin auf einen Rückgang der Wirtschaftsaktivität hinweisen, allerdings deuten sie auf einen abgeschwächten Rückgang hin. Zeigt das an, dass wir uns dem Wendepunkt nähern? Im Prinzip würde ich sagen, ja. Das ist zu erwarten, wenn man sieht, was für massive Maßnahmen ergriffen wurden, in der Fiskalpolitik und natürlich auch – ganz besonders in der Schweiz – in der Geldpolitik.

Heißt „Wendepunkt“, dass es dann wieder aufwärts geht?

Ob das diesmal so sein wird, ist die große Frage. Es ist gut denkbar, dass sich die Lage nicht weiter verschlechtert, dass es aber noch längere Zeit Nachwirkungen gibt, ehe die Wirtschaft wieder anzieht.

Haben Sie so wenig Vertrauen in die Fiskalprogramme?

Durchaus nicht. Die Krise ist so schlimm, dass wir neben der Geldpolitik auch die Fiskalpolitik brauchen. Ohne Fiskalimpulse wären wir jetzt in einer viel dramatischeren Lage. Die Kosten des Nichthandelns sind größer als die des Handelns. Es wäre zu begrüßen, wenn sich die „green shoots“, von denen jetzt überall die Rede ist, vermehrt zeigen würden.

Sicher sind Sie nicht?

Es ist noch zu früh, das zu beurteilen, auch wenn die Daten zunehmend in diese Richtung weisen. Die Frage ist, ob die Stabilisierung, die Kehrtwende, auch wirklich nachhaltig sein wird. Und die zweite Frage ist: Was passiert, wenn Ende des Jahres der kurzfristige Teil der Fiskalmaßnahmen wieder entfällt? Ist die Erholung dann selbsttragend, oder gibt es eine erneute Abschwächung? Die US-Programme sind begrüßendswerterweise bewusst so konstruiert, dass ein Teil langfristig wirkt. Und dazu kommt eine dritte Dimension.

Welche?

Wir müssen aufpassen, dass die langfristige fiskalpolitische Glaubwürdigkeit nicht verloren geht. Wenn uns das nicht gelingt, besteht gleichzeitig mit dem möglichen Nachlassen der Initialwirkung die Gefahr, dass die langfristigen Zinsen möglicherweise rasch und deutlich steigen. Dann geht die Rechnung nicht auf, denn dies würde restriktiv wirken. Das wäre das Gegenteil von dem, was wir anstreben.

Sehen Sie kurzfristig die Gefahr einer Deflation?

Zurzeit sind primär Basiseffekte bei den Erdölpreisen für den praktisch weltweiten Rückgang der Inflation verantwortlich. Aber der massive Rückgang des Ölpreises hat die Deflationssorgen wieder ausgelöst. Wir nehmen das in der Schweiz sehr ernst. Wir werden nach unserem Basisszenario in diesem Jahr negative Inflationszahlen haben, 2010 und 2011 liegen sie bei null Prozent. Das bedingt, dass es keinen weiteren massiven Wachstumsschock gibt oder dass sich die monetären Bedingungen drastisch straffen werden. Wenn beides ausbleibt, sollten wir durchkommen können. Wenn nicht, sind die Risiken sehr ernst zu nehmen. Dann könnten wir in eine sehr gefährliche Dynamik hinein kommen.

Und wie steht es mit der Inflation? Manche Ökonomen raten den USA, sie zur Entwertung ihrer Schulden zuzulassen.

Die Idee, man könnte die Schulden so zu sagen „sanft“ weg inflationieren, verwerfe ich total. Das ist ein Trugschluss. Das wäre gar nicht kontrollierbar. In der Tat gibt es jedoch langfristig über die zurzeit sehr expansive Geldpolitik Inflationsrisiken. Wenn ich an die Notenbanken der G-10 denke, sind sie aber alle der Preisstabilität zutiefst verpflichtet. Wir müssen und werden die Preisstabilität langfristig wahren.

Aber die Liquidität muss wieder raus aus dem Finanzsystem?

Damit sind wir bei der Exit-Strategie. Es gibt zwei Bedingungen, die erfüllt sein müssen. Zentral ist das Timing. Die Notenbanken müssen den richtigen Zeitpunkt erwischen. Ich bin da grundsätzlich zuversichtlich. Wir hatten schon 2003 eine Nullzinspolitik mit einer stark wachsenden Geldmenge. Wir konnten das normalisieren, ohne dass es zu hoher Inflation gekommen wäre.

Seite 1:

„Wir müssen inhaltlich glänzen“

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%