Interview mit US-Ökonom Posen
„Deutschland hat unnötiges Leid angerichtet“

Die US-Kritik am Exportüberschuss verstört deutsche Ökonomen. Im Interview hält Adam Posen dagegen. Der US-Top-Wissenschaftler erklärt, warum Deutschland anderen Ländern schadet und die eigenen Arbeiter „abzockt“.
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Herr Posen, Sie sind ein scharfer Kritiker der deutschen Wirtschaftspolitik. Warum?
Erstens investieren der deutsche Staat und die Unternehmen viel zu wenig. Und zweitens bezahlen sie ihre Mitarbeiter zu schlecht. Beides führt zu globalen Ungleichgewichten und bringt andere Länder in Schwierigkeiten – vor allem in Europa. In den vergangenen 15 Jahren sind die Lohnerhöhungen in Deutschland fast immer hinter den Produktivitätszuwächsen zurückgeblieben.

Verglichen mit den Löhnen vieler amerikanischer Kollegen verdienen deutsche Arbeiter aber gar nicht schlecht.
Das ist nicht der Punkt. Im Verhältnis zur Produktivität sind die Löhne in Deutschland zu niedrig. Die Arbeiter werden abgezockt. Deutschland konkurriert nicht über die Qualität sondern über den Preis, sonst wären die Löhne nicht so niedrig.

Der deutsche Exportüberschuss ist aber nicht das Ergebnis staatlicher Planung. Die Löhne werden in Tarifverhandlungen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften festgelegt.  Da kann der Staat doch wenig machen.
Oh doch, es geht durchaus um staatliche Planung. Der Staat übt in Deutschland starken Einfluss auf die Tarifpartner aus. Er kann die Gehälter im öffentlichen Sektor erhöhen und den Wettbewerb im privaten Sektor verstärken. Im Moment sind die Investitionen zu niedrig und es bleibt zu viel Geld im Unternehmenssektor hängen.

Warum sollten die deutschen Gewerkschaften zu niedrige Löhne akzeptieren?
Die Gewerkschaften hatten Angst, Mitglieder zu verlieren. Viele Firmen haben Teile ihrer Produktion nach Osteuropa verlagert, daher standen die Gewerkschaften unter Druck und waren zu Zugeständnissen bereit. Um ihre Mitgliederzahl zu halten, haben sie alles andere geopfert.

Höhere Löhne würden Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit schwächen. Das liegt doch nicht im eigenen Interesse.
Unterm Strich würde die deutsche Wirtschaft sehr profitieren, wenn die durchschnittlichen Arbeiter mehr Geld in der Tasche hätten und es ausgeben könnten.  Das würde auch bei den Investitionen der Unternehmen helfen.

Die deutsche Bevölkerung wird aber immer älter. Viele deutsche Ökonomen argumentieren, dass der Exportüberschuss nötig ist, um künftige Defizite auszugleichen, die sich aus der alternden Bevölkerung ergeben. Ist da nicht was dran?
Das ist ein Irrweg. Wenn man die Löhne der Arbeiter klein hält und zu wenig investiert, dann sinkt das zukünftige Einkommen.

Kommentare zu " Interview mit US-Ökonom Posen: „Deutschland hat unnötiges Leid angerichtet“"

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  • Bei diesen Ratschlägen ergeben sich mehrere offensichtliche Probleme, bzw. Interessenkonflikte. Erstens ist es sicher so, dass die USA erheblich unter ihrem eigenen Schuldenberg leiden, der zu großen Teilen durch die ständigen kriegerischen Auseinandersetzung hervorgerufen wird und der nicht so recht durch die amerikanische Wirtschaft ausgeglichen werden kann. Das erklärt sicher auch, warum die USA nach einem Freihandelsabkommen streben, weil sie dringend neue Märkte brauchen, in denen sie z.B. ihren genmanipulierten Dreck verkaufen können.
    Dass Deutschland gewisse soziale Ungleichheiten geschaffen hat, steht außer frage. Ob diese im Inland durch einen flächendeckenden Mindestlohn zu beseitigen sind, wage ich zu bezweifeln. Dies halte ich eher für Populismus und ein trauriges Zeichen für eine Kultur der Ausbeutung zugunsten der Unternehmen. Doch machen wir uns nichts vor: bei dieser Kultur der Ausbeutung und bei der dadurch hervorgehobenen sozialen Ungleichheit sind die Amerikaner ganz vorne mit dabei. Und Fakt ist auch, dass die USA aus Angst, ihre Vormachtstellung zu verlieren, die Eurokrise und damit auch das Leid in z.B. in Griechenland, erheblich gefördert bzw erst ausgelöst haben haben. Hier werden also ganz wesentliche Dinge außer Acht gelassen. Die Kritik, die derzeit aus Amerika kommt, zeigt ein Unwohlsein der Amerikaner ob der wirtschaftlichen Unerschütterlichkeit Deutschlands. Großflächige Spionage, die ja auch deutsche Unternehmen und die deutsche Bundesregierung betrifft, unterstreicht dieses Gefühl.

  • Völlig unterbelichtet im Artikel und der Diskussion bleibt die Unterscheidung von Waren und Dienstleistungen. Was davon fliesst eigentlich bei wem in den Export mit ein?
    Wie stehen eigentlich Sachqualität und Lohndumping zueinander?
    Und warum ist ein Porsche so teuer?

    Aber der Kern ist die Unterschiedlichkeit von Ware und Dienstleistung:
    Mehr Produktivität/Effizienz kann Waren durchaus verbilligen. Bei Dienstleistungen und Service dürfe dies schwieriger sein, denn die lösen sich bei Automatisierungen häufig selbst auf. (Kuschelroboter in der Pflege?)
    Wer bezahlt warenfremden Service? (Den wareneigenen Service kalkuliert der Produzent ja in den Preis mit ein.)Irgendwer bezahlt ja, oder?
    Es kommt auch nicht darauf an, wer den Preis für Dienstleistung und Service bezahlen kann. Das wäre nur die Umverteilung. Es geht um das Selbstverständnis der grundsätzlichen Bereitstellung. Etwas ganz anderes.

    Hoffentlich braucht niemand ein spezielles Krankenhausbett, aber gut, dass es das gibt oder?
    Wehe dem, der etwa eines braucht. Auf den kommen alle Bereitstellungskosten. Lieber verzichten?
    Das ist der Unterschied zwischen verteilen und bereit stellen.
    Und wie ist der Unterschied beim Export von Waren und Dienstleistungen? Und warum kann sich in Deutschland keiner Dienstleistungen leisten?

    Vielleicht sollte die Politik weniger Fachleute und mehr Rahmenbedingungen finanzieren.

  • Dear Mr Posen,

    I really appreciate, if you would provide similar helpful advice to the US administration to clean up the mess on their various construction sites (debt deficit, health care, environment & sustainability issues, misuse of weapons,...). Once the USA will show significant progress at least in some of those major topics, it will be much easier for "us Germans" to listen to advice from the other side of the Atlantic again. Other than that I can only confirm the above comment by "ANONYM / a Handelsblatt reader".
    Best of luck and success cleaning up your own front- & back yards,

    Regards from a German Expat living abroad.

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