Interview mit US-Ökonom Posen

„Deutschland hat unnötiges Leid angerichtet“

Die US-Kritik am Exportüberschuss verstört deutsche Ökonomen. Im Interview hält Adam Posen dagegen. Der US-Top-Wissenschaftler erklärt, warum Deutschland anderen Ländern schadet und die eigenen Arbeiter „abzockt“.
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Adam Posen: Der Amerikaner leitet das Peterson Institute in Washington und zählt zu den renommiertesten Geldpolitik-Experten der Welt. Von 2009 bis 2012 war er als erster Ausländer Mitglied im geldpolitischen Rat der Bank von England. Quelle: Imago

Adam Posen: Der Amerikaner leitet das Peterson Institute in Washington und zählt zu den renommiertesten Geldpolitik-Experten der Welt. Von 2009 bis 2012 war er als erster Ausländer Mitglied im geldpolitischen Rat der Bank von England.

(Foto: Imago)

Herr Posen, Sie sind ein scharfer Kritiker der deutschen Wirtschaftspolitik. Warum?
Erstens investieren der deutsche Staat und die Unternehmen viel zu wenig. Und zweitens bezahlen sie ihre Mitarbeiter zu schlecht. Beides führt zu globalen Ungleichgewichten und bringt andere Länder in Schwierigkeiten – vor allem in Europa. In den vergangenen 15 Jahren sind die Lohnerhöhungen in Deutschland fast immer hinter den Produktivitätszuwächsen zurückgeblieben.

Verglichen mit den Löhnen vieler amerikanischer Kollegen verdienen deutsche Arbeiter aber gar nicht schlecht.
Das ist nicht der Punkt. Im Verhältnis zur Produktivität sind die Löhne in Deutschland zu niedrig. Die Arbeiter werden abgezockt. Deutschland konkurriert nicht über die Qualität sondern über den Preis, sonst wären die Löhne nicht so niedrig.

Der deutsche Exportüberschuss ist aber nicht das Ergebnis staatlicher Planung. Die Löhne werden in Tarifverhandlungen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften festgelegt.  Da kann der Staat doch wenig machen.
Oh doch, es geht durchaus um staatliche Planung. Der Staat übt in Deutschland starken Einfluss auf die Tarifpartner aus. Er kann die Gehälter im öffentlichen Sektor erhöhen und den Wettbewerb im privaten Sektor verstärken. Im Moment sind die Investitionen zu niedrig und es bleibt zu viel Geld im Unternehmenssektor hängen.

Warum sollten die deutschen Gewerkschaften zu niedrige Löhne akzeptieren?
Die Gewerkschaften hatten Angst, Mitglieder zu verlieren. Viele Firmen haben Teile ihrer Produktion nach Osteuropa verlagert, daher standen die Gewerkschaften unter Druck und waren zu Zugeständnissen bereit. Um ihre Mitgliederzahl zu halten, haben sie alles andere geopfert.

Höhere Löhne würden Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit schwächen. Das liegt doch nicht im eigenen Interesse.
Unterm Strich würde die deutsche Wirtschaft sehr profitieren, wenn die durchschnittlichen Arbeiter mehr Geld in der Tasche hätten und es ausgeben könnten.  Das würde auch bei den Investitionen der Unternehmen helfen.

Die deutsche Bevölkerung wird aber immer älter. Viele deutsche Ökonomen argumentieren, dass der Exportüberschuss nötig ist, um künftige Defizite auszugleichen, die sich aus der alternden Bevölkerung ergeben. Ist da nicht was dran?
Das ist ein Irrweg. Wenn man die Löhne der Arbeiter klein hält und zu wenig investiert, dann sinkt das zukünftige Einkommen.

„Alle entwickelten Demokratien haben einen Mindestlohn“
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  • Bei diesen Ratschlägen ergeben sich mehrere offensichtliche Probleme, bzw. Interessenkonflikte. Erstens ist es sicher so, dass die USA erheblich unter ihrem eigenen Schuldenberg leiden, der zu großen Teilen durch die ständigen kriegerischen Auseinandersetzung hervorgerufen wird und der nicht so recht durch die amerikanische Wirtschaft ausgeglichen werden kann. Das erklärt sicher auch, warum die USA nach einem Freihandelsabkommen streben, weil sie dringend neue Märkte brauchen, in denen sie z.B. ihren genmanipulierten Dreck verkaufen können.
    Dass Deutschland gewisse soziale Ungleichheiten geschaffen hat, steht außer frage. Ob diese im Inland durch einen flächendeckenden Mindestlohn zu beseitigen sind, wage ich zu bezweifeln. Dies halte ich eher für Populismus und ein trauriges Zeichen für eine Kultur der Ausbeutung zugunsten der Unternehmen. Doch machen wir uns nichts vor: bei dieser Kultur der Ausbeutung und bei der dadurch hervorgehobenen sozialen Ungleichheit sind die Amerikaner ganz vorne mit dabei. Und Fakt ist auch, dass die USA aus Angst, ihre Vormachtstellung zu verlieren, die Eurokrise und damit auch das Leid in z.B. in Griechenland, erheblich gefördert bzw erst ausgelöst haben haben. Hier werden also ganz wesentliche Dinge außer Acht gelassen. Die Kritik, die derzeit aus Amerika kommt, zeigt ein Unwohlsein der Amerikaner ob der wirtschaftlichen Unerschütterlichkeit Deutschlands. Großflächige Spionage, die ja auch deutsche Unternehmen und die deutsche Bundesregierung betrifft, unterstreicht dieses Gefühl.

  • Völlig unterbelichtet im Artikel und der Diskussion bleibt die Unterscheidung von Waren und Dienstleistungen. Was davon fliesst eigentlich bei wem in den Export mit ein?
    Wie stehen eigentlich Sachqualität und Lohndumping zueinander?
    Und warum ist ein Porsche so teuer?

    Aber der Kern ist die Unterschiedlichkeit von Ware und Dienstleistung:
    Mehr Produktivität/Effizienz kann Waren durchaus verbilligen. Bei Dienstleistungen und Service dürfe dies schwieriger sein, denn die lösen sich bei Automatisierungen häufig selbst auf. (Kuschelroboter in der Pflege?)
    Wer bezahlt warenfremden Service? (Den wareneigenen Service kalkuliert der Produzent ja in den Preis mit ein.)Irgendwer bezahlt ja, oder?
    Es kommt auch nicht darauf an, wer den Preis für Dienstleistung und Service bezahlen kann. Das wäre nur die Umverteilung. Es geht um das Selbstverständnis der grundsätzlichen Bereitstellung. Etwas ganz anderes.

    Hoffentlich braucht niemand ein spezielles Krankenhausbett, aber gut, dass es das gibt oder?
    Wehe dem, der etwa eines braucht. Auf den kommen alle Bereitstellungskosten. Lieber verzichten?
    Das ist der Unterschied zwischen verteilen und bereit stellen.
    Und wie ist der Unterschied beim Export von Waren und Dienstleistungen? Und warum kann sich in Deutschland keiner Dienstleistungen leisten?

    Vielleicht sollte die Politik weniger Fachleute und mehr Rahmenbedingungen finanzieren.

  • Dear Mr Posen,

    I really appreciate, if you would provide similar helpful advice to the US administration to clean up the mess on their various construction sites (debt deficit, health care, environment & sustainability issues, misuse of weapons,...). Once the USA will show significant progress at least in some of those major topics, it will be much easier for "us Germans" to listen to advice from the other side of the Atlantic again. Other than that I can only confirm the above comment by "ANONYM / a Handelsblatt reader".
    Best of luck and success cleaning up your own front- & back yards,

    Regards from a German Expat living abroad.

  • Dear Mister Posen,

    Thank you very much for your annotations. I am sure if the German government and corporations might require your expertise they would ask for it. Somehow I doubt the will ever do so.

    It is simply not in the best interest of Germany and Europe to change the established rules of liberalized international trade and a free market economy just because America is having difficulties to compete. I am talking about rules the USA have been propagating for a very long time.

    As you know the customer decides which product is the best. If it is an American product - fine. If it is a German one - fine too. We respect that concept of competition and the White House does as well - ultimately there will be a good reason why it is coated with German color from Bavaria.

    Yours sincerely,

    A reader of the Handelsblatt

  • ......................und so wird der europäische Prozeß wahrscheinlich nie zu Ende geführt? Warum nicht? Weil die vielen unterschiedlichen Kulturen niemals auf einen Nenner zu bringen sind. Ja warum denn nicht? Weil jeder dieser Eigenen anders denkt, anders spricht, anders handelt. Und somit das Ziel nicht zu erreichen ist. Das Ziel einer stabilen europäischen Gesamtstruktur, politisch, wirtschaftlich und kulrurell. Und das sieht der Amerikaner. Er hat gar kein Interesse an einer harmonierenden Struktur in Europa. Und so drückt er im Moment Nadelstiche in den stärksten Partner in Europa der da Deutschland heißt. Ist doch klar, daß hier als Erstes die Enthauptung vorgenommen werden muß. An den Gliedern hängen die anderen schwächeren und kleineren Staaten. Bei denen wird später eine Operation durchgeführt. Also hat Amerika kein Interesse an einer harmonierenden Wirtschaft? Ja, so ist es. Politisch ist es ohnehin eine Utopie, die niemals kommen wird. Denn jeder Staat möchte für sich sprechen und seine eigenen Entscheidungen treffen. Und da die deutsche Seele so ist, wie sie ist, nämlich sensilbel, empfindsam und auch empfindlich auf Grund unserer Vergangenheit, hat Amerika leichtes Spiel, uns immer wieder nach Belieben auf den Tisch zu legen, und uns Vorhaltungen zu machen. Was ist zu tun? Weiter zu machen und noch mehr den Export anzukurbeln unter dem Motto......jetzt erst recht. Um mit dem Credo der Großmächte zu antworten......Nur aus der Position der Stärke können wir uns verteidigen und unsere Vormachtstellung in wirtschaftlicher Hinsicht behalten. Haleluja Deutchland..............Haleluja Deutschland..........wir sind ein tolles Volk, wir haben eine der schönsten Sprachen.....für jeden Begriff, gibt es unzählige Ersatzbegriffe. Bei welcher Sprache gibt es das? Ich höre..........Resymierend ist nur zu sagen. Wir sollten uns noch mehr auf uns besinnen, und versteckt mißtrauisch unseren Weg gehen. Es gibt keine Alternative. Nochmals .......haleluja Deutschland.....

  • Typisch Amerikaner: Ihre Sicht der Welt muß auch die der anderen Nationen sein und wenn nicht, dann sind die andern halt zu blöd um Wirtschaftspolitik zu verstehen. Nur dumm, daß Amerika im letzten Jahrzehnt den Beweis schuldig geblieben ist, finanz- und wirtschaftspolitisch besonders viel richtig gemacht zu haben.
    Von daher würde ich sagen: Deutschland macht so weiter wie bisher und freut sich, daß es viele Neider hat. Denn Neid muß man sich erarbeiten. Mitleid kriegt man geschenkt!

  • Prozentual ist die Anzahl der Deppen gleichmäßig verteilt,
    somit auch unter den Experten !

  • Der Mann hat Recht, seit Schröder werden die deutschen Arbeiter er recht abgezockt. Deutschland verkommt zum Armenhaus. Die Südstaaten, die den steigenden Wohlstand auch an die Bevölkerung weitergegeben haben, leiden unter den deutschen Lohndumping. Die Exportüberschüsse gehen aber nicht an die Arbeiter, sondern nur an die Bosse. Der kleine Mann muss aber jetzt dafür bezahlen. Wir werden also zwei mal ausgebeutet. Wir werden seit Schröder mehr und mehr enteignet.

  • 5.Mindestlohn a.Nicht ganz auf der Höhe
    Unter dieser Überschrift plädiert Gerhard Bosch im Handelsblatt für einen Mindestlohn. Neuere Untersuchungen hätten gezeigt, dass die Beschäftigten mehr Geld in der Tasche hätten und die Auswirkungen auf die Beschäftigung nicht signifikant seien. Mit verbesserten Methoden seien alte Studien mit einem negativen Ergebnis widerlegt. Die meisten britischen und amerikanischen Ökonomen hätten angesichts dieser Faktenlage ihre Meinung über einen Mindestlohn geändert. Im neuen Jahresgutachten des Sachverständigenrates behaupte die Mehrheit, dass die meisten internationalen Studien auf negative Effekte von Mindestlöhnen hinwiesen. Belegt würde diese Fehldiagnose nur durch eine Literaturstudie, die den aktuellen Forschungsstand völlig ausblende.
    Die Schwierigkeiten vieler Ökonomen, Forschungsergebnisse zu akzeptieren, die nicht in ihr Weltbild passten, würden noch offenkundiger in einer Zusammenfassung der Evaluation von sechs Branchenmindestlöhnen in Deutschland vom Institut der deutschen Wirtschaft. Alle Studien zeigten, dass die Mindestlöhne der Beschäftigung nicht geschadet hätten. Beim IW lese man jedoch, dass 47 Prozent der Messungen negative Wirkungen signalisierten.
    In beiden genannten Fällen sei gegen den Ethikkodex verstoßen worden, den der Verein für Sozialpolitik 2012 aufgestellt habe, nämlich den „Stand der Forschung angemessen und nach herrschenden Normen zu würdigen“. Es dränge sich die Frage auf, warum kluge Wissenschaftler ihre Reputation aufs Spiel setzten.
    Quelle: Handelsblatt (Printfassung vom 21. 11.2013)
    Interessanterweise hat das Handelsblatt diese doch sehr deutliche Kritik am Sachverständigenrat (noch) nicht ins Netz gestellt, während die Ablehnung eines Mindestlohns durch die Mehrheit der „Wirtschaftsweisen“ – und das noch mitten während des Streits der Koalitionspartner um die Einführung eines Mindestlohns – lang und breit auch im Netz verbreitet wurde. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt?

  • Dank einer mehr als 60 Jahren konservativen Propaganda der Mainstream Medien in Deutschland, und seit der Gründung der BRD, ausgenommen einer, waren immer konservative Regierungen in Deutschland an der Macht.

    Somit kann es auch kaum verwundern, dass man in Deutschland an dem festhält, was nicht nur für Deutschland sondern auch für Europa schlecht ist.

    Deutschland hat bewusst erst nach der Euroeinführung, den größten Niedriglohn in Europa eingeführt. Denn vorher hätte es nicht funktioniert, denn die anderen Länder hätten sich gewehrt und abgewertet.

    Deutschland hat nach Euroeinführung im Euroraum alles niederkonkurriert, nicht wegen der so exzellenten und innovativen Produkte, sondern wegen dem Niedriglohn, der bis heute weit hinter der Produktivität zurück geblieben ist.

    Alleine die Produktivitätssteigerungen, werden die sog. Demographie mehr als ausgleichen. Außerdem hat Deutschland das dümmste was es nur geben kann gemacht, nämlich die sog. Schuldenbremse ins Grundgesetz geschrieben.

    Das verhindert, den Investitionstaue in Deutschland endlich aufzulösen, umso länger man damit wartet, umso teurer wird es für eine Volkswirtschaft, diesen aufzulösen.

    Mit Investitionen in die Zukunft werden nicht nur Schulden vererbt sondern auch riesige Vermögen. Eine Volkswirtschaft ist nämlich weder ein Unternehmen noch eine sog. schwäbische Hausfrau.

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