IWF-Chef
Hälfte der Bankenverluste noch nicht aufgedeckt

Der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) malt ein Horrorszenario an die Wand: Dominique Strauss-Kahn glaubt, dass die europäischen Banken noch gewaltige Verluste in ihren Bilanzen versteckt haben. Der Fonds stockte unterdessen seine Mittel im Kampf gegen die Wirtschafts- und Finanzkrise auf.
  • 0

HB PARIS/SINGAPUR. "Es bleiben große nicht aufgedeckte Verluste: 50 Prozent sind vielleicht in den Bilanzen versteckt" sagte IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn dem Pariser "Figaro". Die Staaten würden den Geldhäusern bei einer erneuten Bankenkrise aber nicht erneut mit Milliardenhilfen beispringen. "Das Verhältnis ist in Europa größer als in den USA." Das Beispiel Japan zeige aber, dass es ohne Säuberung der Bilanzen kein lebhaftes Wachstum geben könne.

Strauss-Kahn drängt darauf, die Spekulationssucht der Finanzinstitute einzudämmen. "Die Boni begrenzen und die Finanzwelt moralisieren heißt, die Zukunft vorbereiten", sagte er. Die hohen Prämien für die Spekulanten seien nicht nur ein moralisches Problem, sondern auch ein wirtschaftliches, weil sie zu exzessiven Risiken führten. Außerdem seien sie bei einer erneuten Krise ein politisches Problem. "Wir werden kein zweites Mal erleben, dass hunderte Milliarden Dollar in den Finanzsektor gepumpt werden", sagte Strauss-Kahn. "Die öffentliche Meinung und die Parlamente werden es nicht hinnehmen, die Rechnung ein zweites Mal zu bezahlen."

Der IWF stockt jedoch seine Mittel im Kampf gegen die Wirtschafts- und Finanzkrise auf. Die 26 Länder der so genannten Kreditvereinbarung "New Arrangements to Borrow" (NAB) einigten sich am Dienstagabend darauf, dem ursprünglich auf 500 Milliarden Dollar ausgelegten Krisentopf weitere 100 Milliarden Dollar zuzuschießen. IWF-Chef Strauss-Kahn begrüßte die Entscheidung und sagte, dies stärke die internationale Finanzarchitektur. Erstmals in diesem Jahr steuerten Schwellenländer wie China, Russland, Indien und Brasilien Mittel bei. Die Staaten haben deutlich gemacht, weitere Gelder nur gegen mehr Einfluss beim IWF bereitzustellen.

Erneut forderte der IWF trotz der Anzeichen für einen Wirtschaftsaufschwung eine konsequente Umsetzung der beschlossenen Konjunkturprogramme. "Die soziale Krise bleibt sehr stark", sagte Strauss-Kahn. "Das ist meine größte Sorge." Ein Wirtschaftsaufschwung zeichne sich für das erste Halbjahr 2010 ab, sagte Strauss-Kahn. "In Asien ist er schon da." Doch der Aufschwung bleibe zerbrechlich. Die Staaten hätten mit Löschkanonen einen Großbrand wie 1929 vermieden. "Aber jetzt ist überall Wasser." Es werde dauern, das Wasser aufzusaugen, also die öffentlichen Schulden abzubauen. Die Konjunkturprogramme hätten sich gelohnt. Mit jedem Euro sei ein Euro Wachstum erzielt worden. "Wenn der Aufschwung sichergestellt ist, muss die Budgetstrategie Vorrang bekommen."

Strauss-Kahn rief die Europäer zu mehr Engagement auf. China habe international wegen seiner Bevölkerungszahl Gewicht. Die USA seien wegen ihres technologischen Vorsprungs stark. Europa habe zwar 500 Millionen Einwohner, komme aber technologisch nicht genügend voran. "Die Technologiedebatte, die heute vor allem auf die Energie zielt, ist in den USA viel lebhafter als in Europa", sagte Strauss-Kahn.

Weltbankchef Robert Zoellick warnte unterdessen vor den Folgen zu rascher Zinserhöhungen. Zwar gebe es eine neue Lehre, dass man nicht auf das Platzen von Blasen warten dürfe, um dann hinterher aufzuräumen, schreibt Zoellick in einem am Mittwoch in der "Financial Times" veröffentlichten Artikel. Ein zu abruptes Anheben der Zinsen - besonders dort, wo die Erholung schwach ausfalle, etwa in den USA und Europa - könne jedoch einen weiteren Abschwung nach sich ziehen.

Die bereits erfolgte Zinsanhebung der australischen Zentralbank könne asiatische Länder mit engen Verbindungen zur australischen Wirtschaft unter Zugzwang bringen, schreibt Zoellick weiter. Zinserhöhungen in diesen Ländern, während die Zinsen in den USA weiterhin nahe Null blieben, würden jedoch zu einer Aufwertung der asiatischen Währungen führen, warnte der Weltbankchef. Dies würde wiederum die Exporte dieser Länder verteuern und ihre Ausfuhren verringern und damit der exportbasierten Erholung schaden. Zudem drohe durch die Bindung des Renminbi an den fallenden US-Dollar Konkurrenz aus China.

Kommentare zu " IWF-Chef: Hälfte der Bankenverluste noch nicht aufgedeckt"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%