IWF-Tagebuch
Die verdrängten Risiken

Die Herbsttagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) hat noch gar nicht begonnen, da wird die Finanzelite bereits von der Aktualität überholt.

WASHINGTON. Der Preis für ein Fass Öl hat bereits erstmals die 90-Dollar-Marke überschritten und der Dollar ist auf ein neues Rekordtief gegenüber dem Euro gesunken. Der Ölpreis spielt in der Konjunkturprognose des IWF bislang jedoch nur eine untergeordnete Rolle. „Der Preisanstieg hat nur begrenzte Auswirkungen“, sagte IWF-Chef Rodrigo de Rato vor Beginn des Treffens. Und an das Dollarproblem traut sich so recht niemand ran.

Die Ökonomen des Fonds rechnen nach den Worten Ratos für das nächste Jahr immer noch mit einem durchschnittlichen Ölpreis von 79 Dollar. Das erscheint nach den jüngsten Ereignissen im Mittleren Osten überaus optimistisch. Auf den Terminmärkten wird bereits mit deutlich höheren Notierungen gehandelt. Fred Bergsten, Chef des renommierten Peter Peterson Instituts for International Economics (IIE) in Washington, hält einen Ölpreis von 100 Dollar für durchaus möglich. Ein solcher Energieschock würde die Widerstandskraft der bereits durch die Finanzkrise angeschlagenen Weltwirtschaft einem neuerlichen Stresstest unterziehen.

Auch der rapide Dollarverfall wird auf der IWF-Tagung und dem parallel stattfindenden Treffen der G8-Finanzminister vermutlich nur mit Samthandschuhen angefasst. Zwar haben die Europäer angesichts der wachsenden Währungslast für den Euroraum im Vorfeld der Tagung ihren Unmut deutlich gemacht. US-Finanzminister Hank Paulson wird jedoch nichts akzeptieren, was die Amerikaner in irgendeiner Weise zwingen würde, ihren Greenback zu stärken. Ganz im Gegenteil. der schwache Dollar kommt den USA überaus gelegen. Hilft eine schwache Währung doch dem Export und sorgt so dafür, dass die Konjunkturflaute im Inland durch ein florierendes Auslandsgeschäft etwas abgemildert wird. So trägt die Dollarschwäche dazu bei, dass die bisherige Schieflage im Welthandel langsam korrigiert wird.

Hilfe vom IWF können die Europäer ebenfalls nicht erwarten. „Der Wert des Euro entspricht den (wirtschaftlichen) Fundamentaldaten“, sagt Rato lapidar. Im World Economic Outlook heißt es gar, dass der Dollar noch immer überbewertet ist. Das trifft zwar im Vergleich zu asiatischen Währungen zu, gegenüber dem Euro jedoch kaum. So werden Amerikaner und Europäer beim G8-Treffen vermutlich den Chinesen den schwarzen Peter im weltweiten Währungsstreit zuschieben. Das ist zwar im Prinzip richtig, weil Peking durch seine Interventionen auf dem Devisenmarkt das gesamte Währungsgefüge durcheinander bringt. Helfen wird es dem Euro jedoch kaum. Bislang haben sich die Politkommissare trotz massiven Drucks aus Washington nur minimal bewegt. Das Problem wird also weiter auf die lange Bank geschoben. Spätestens, wenn der Dollar unter 1,50 Euro sinkt, dürften die Europäer wieder auf der Matte stehen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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