Japan begrüßt das Ende der Deflation
Endlich etwas Teuerung

Ökonomen in Japan freuen sich über das, was dem Rest der Welt Angst macht: Inflation. Denn die weltweite Teuerung bewirkt in Japan unterm Strich gerade mal einen moderaten Preisanstieg.

TOKIO. "Obwohl die Inflation in Japan in den positiven Bereich gestiegen ist, ist der Anstieg im Vergleich zu anderen entwickelten Ländern moderat und wird die makroökonomische Stabilität nicht gefährden", sagt Thomas Byrne, Chefökonom für Länderrisiken bei der Ratingagentur Moody?s. Sein Team hat die Einschätzung der Bonität Japans daher zu Wochenbeginn hochgestuft. Die Wirtschaft werde sich gegenüber den Turbulenzen der Weltwirtschaft widerstandsfähig zeigen, so Byrne.

Sei gut zehn Jahren bewegt sich Japan am Rand einer Deflation, also einer Abwärtsspirale der Preise. Eine Deflation führt zu Kaufzurückhaltung und geringeren Unternehmensgewinnen. Obwohl die Zentralbank den Leitzins auf Null senkte und den Markt mit Geld überschwemmte, stiegen die Preise nicht. Jetzt bewirken teures Öl und Getreide, was die Bank of Japan (BoJ) nicht vermochte. Die Kerninflationsrate für Juni stieg der jüngsten Statistik zufolge im Jahresvergleich um 1,5 Prozent. Ohne Nahrungsmittel und Energie stieg sie um 0,3 Prozent.

Unterstützung für eine grundsätzlich stabile Einschätzung der japanischen Wirtschaft kommt vom wichtigsten Barometer für die Wirtschaftsstimmung, der Tankan-Umfrage der BoJ. Zwar sind Japans Wirtschaftsführer in Hinblick auf den weiteres Verlauf des Jahres nicht übertrieben enthusiastisch - doch sie finden die Lage besser als erwartet. "Die derzeitigen Rahmenbedingungen werden nicht so schlecht eingeschätzt, wie die Wirtschaftsforscher vorher erwartet haben. Der weitere Ausblick bleibt zudem weiter fest", sagt Akira Maekawa von der Investmentbank UBS. Angesichts der höheren Rohstoffkosten senkt Japans Industrie zwar kollektiv die Gewinnerwartungen. Doch die Firmen planen auch mehr Investitionen, als die Forscher vorher befürchtet haben. "Wir erwarten weiter einen leichten Anstieg der Investitionspläne bis Jahresende", sagt Maekawa.

Doch trotz der positiven Aspekte der beginnenden Inflation: Hauptaugenmerk der Tankan-Studie lag bei der Tatsache, dass für Japan die Preise der Importgüter, beispielsweise Öl, schneller steigen als die Preise der Exportgüter - beispielsweise Elektrogeräte oder Industrieroboter. "Der erwartete Gewinnrückgang liegt nicht an sinkenden Umsätzen, was für eine Rezession sprechen würde, sondern an den Kostensteigerungen", sagt Kyohei Morita von Barclays Capital Tokyo. Zu beachten sei allerdings, gerade kleinere Unternehmen die Zukunft eher schwierig einschätzen. "Es ist gut vorstellbar, dass diese Unternehmen wegen geringer Preismacht die Kostensteigerungen nur sehr spät an die Verbraucher weitergeben können." Der Index für kleine und mittlere Unternehmen ist von minus sechs bei der vorigen Umfrage vor drei Monaten auf minus zehn gefallen.

Auch der Gesamtindex fiel einige Punkte, blieb aber im positiven Bereich bei fünf Zählern. Sorge machten den Unternehmen vor allem der Anstieg der Rohstoffpreise. Deshalb gingen vor allem Industrien zurück, die viel Öl, Stahl oder Energie verbrauchen, beispielsweise die Autoindustrie und er Maschinenbau. Der Tankan-Index misst die Prozentzahl der Optimisten minus die der Pessimisten. In Japan überwiegen also immer noch die Unternehmen, die das aktuelle Geschäftsumfeld als günstig einschätzen. Die im Durchschnitt erwarteten Unternehmensgewinne fielen um knapp zehn Prozent. Das Werpapierhaus Daiwa hält es aber für möglich, dass die Unternehmen wieder deutlich nach oben korrigieren. Im Jahresverlauf könnten sie merken, dass sie auch in Japan an die Konsumenten für höhere Einkaufspreise bezahlen lassen können.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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