Jean-Pierre Roth im Interview
„Banker haben ein kurzes Gedächtnis“

Die Bedeutung der Schweizerischen Nationalbank geht häufig über die Grenzen der Alpenrepublik hinaus. Denn der Schweizer Franken gilt in Krisenzeiten als „sicherer Hafen“ für Investoren aus aller Welt. Das Handelsblatt sprach mit Jean-Pierre Roth, dem Präsidenten der Notenbank über die UBS-Klage, die Konsequenzen aus der Krise und den Kurs der Schweizer Währung.

Handelsblatt: Herr Roth, ist die Klage der amerikanischen Steuerbehörde gegen die UBS auch ein Risiko für das Schweizer Finanzsystem?

Jean-Pierre Roth: Diese Frage fällt eigentlich nicht in meine Kompetenz. Der Steuerstreit ist nicht Sache der Notenbank.

Sie machen sich also keine Sorgen?

Dieser Streit ist natürlich ein wichtiges Thema für die UBS. Aber sie hat auch Maßnahmen getroffen, um die Risiken zu reduzieren. Die UBS ist heute eine stark kapitalisierte Bank. Wir haben keinen Zweifel, dass der bilaterale Streit gelöst wird.

Erschwert das Prozessrisiko der UBS den Ausstieg des Staates aus der Bank?

Die Eidgenossenschaft wird sich je nach Marktsituation überlegen, ob sie ihre Beteiligung aufrecht erhalten will. Das ist eine einfache finanzielle Kalkulation.

Ist es wirklich nur eine finanzielle Kalkulation oder geht es nicht auch um die Frage, wann die UBS wieder auf eigenen Füßen stehen kann?

Die UBS findet ja derzeit privates Kapital, das ist eine gute Nachricht.

Sie spielen auf die letzte Kapitalerhöhung der Bank von 3,8 Mrd. Schweizer Franken an ...

Ja, genau. Das zeigt, dass der Markt wieder Vertrauen in die Bank gefasst hat und dass es Licht am Ende des Tunnels gibt.

Wie stark leidet die Schweizer Wirtschaft unter der Rezession?

Wir haben gerade unsere Wachstumsprognose bekräftigt und rechnen in diesem Jahr mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 2,5 bis drei Prozent. Die Risiken weisen nach unten. Wir haben aber Anzeichen dafür, dass im nächsten Jahr wieder leicht positive Wachstumsraten möglich sind.

Wenn man sich die jüngsten Entlassungen der Schweizer Industrie oder die Exportrückgänge anschaut, sieht man noch nichts davon. Worauf gründen Sie Ihren Optimismus?

Im Moment kommen die ermutigenden Signale vor allem von den internationalen Finanzmärkten. Die Zahl der Börsengänge steigt wieder, die Risikoprämien gehen zurück. Wir sehen, dass die Lage der Industrie schwierig ist. Die Aufträge sind um ein Drittel eingebrochen.

Versuchen Sie, der Schweizer Exportwirtschaft zu helfen, indem Sie auf dem Devisenmarkt eine Aufwertung des Franken verhindern?

Das ist eine Fehlinterpretation unserer Politik. Wir sind in einer Situation, wo unsere Zinsen gegen null tendieren und der Schweizer Franken als "sicherer Hafen" aufgewertet wurde. Der Anstieg gegenüber dem Euro beträgt etwa elf Prozent. Wir wollen keine weitere Aufwertung, weil wir einer Deflation in der Schweiz vorbeugen müssen.

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