Jürgen Stark
Notenbanker in der Defensive

Das erste Jahr im Direktorium der EZB war kein leichtes für Jürgen Stark: Die vergangenen zwölf Monate wurden überschattet von einem Streit über die Geldmengen-Strategie. Der Kampf läuft noch immer. Und Stark liegt nach Punkten hinten.

FRANKFURT. Jürgen Stark hat am Donnerstag einen doppelten Grund zu feiern. Er begeht am 31. Mai nicht nur seinen 59. Geburtstag. Er macht auch sein erstes Jahr als Mitglied im Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB) voll. Bei seinem Vorgänger, Otmar Issing, hätte man wie selbstverständlich hinzugefügt: „...und als Chefvolkswirt“. Bei Stark zögert man, denn offiziell gibt es den Titel gar nicht. Issing hatte ihn aus seiner vorherigen Bundesbankposition mitgenommen und keiner hatte ihn ihm streitig gemacht. Issing war die graue Eminenz im Hintergrund, ähnlich mächtig wie der EZB-Präsident.

Stark hat es nicht so leicht. Er war keine offensichtliche Wahl für den Bereich Volkswirtschaft, den er von Issing erbte. Denn mit Volkswirtschaft im engeren Sinne hatte er in den vergangenen zwei Jahrzehnten nicht viel zu tun. Starks Tätigkeit als hoher Staatsbeamter und später Bundesbank-Vizepräsident war mehr auf praktische Wirtschaftspolitik und internationale Beziehungen fokussiert.

„Den Chefvolkswirt der EZB gibt es eigentlich nicht mehr“, sagt Luigi Buttiglione, Chefvolkswirt des großen Londoner Hedge-Fonds Fortress. Und das sei auch gut so, meint er: „Der Entscheidungsprozess im EZB-Rat ist noch kollegialer geworden. Es gibt nicht mehr die dominierende Figur wie früher.“ Das war erkennbar Absicht. Bei der Neuverteilung der Aufgaben im sechsköpfigen EZB-Direktorium, das zusammen mit den 13 nationalen Zentralbankpräsidenten den EZB-Rat bildet, wurde Issings Aufgabengebiet aufgeteilt. Stark bekam die Volkswirtschaft, EZB-Vize Lucas Papademos die Forschung.

Ein Jahr nach Starks Amtsantritt brauchen seine Konkurrenten nicht mehr zu fürchten, dass er versuchen könnte, die dominierende Rolle Issings einzunehmen. Stark übt sein Amt eher im Hintergrund aus. Mit öffentlichen Auftritten ist er sehr zurückhaltend. Reden hält und Interviews gibt er vor allem in Deutschland. Auf Pressekonferenzen ist er bisher kaum aufgetreten.

Seine beiden Hauptrivalen dagegen schlugen schon kurz nach seinem Amtsantritt mit viel beachteten Grundsatzreden Pflöcke ein. Einer von ihnen ist der Italiener Lorenzo Bini Smaghi. Er hat einen Doktortitel von der renommierten Universität Chicago und war lange Jahre als Ökonom in der Bank von Italien und dem EZB-Vorläufer Europäisches Währungsinstitut tätig. Zuständig ist er im EZB-Direktorium für internationale Beziehungen. Der zweite ist der Grieche Lucas Papademos der als Ökonomieprofessor in den USA gearbeitet hatte, bevor er Chef der griechischen Notenbank und später EZB-Vizepräsident wurde.

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