Kampf gegen Inflation aufgegeben
Island stemmt sich mit Zinssenkung gegen Kollaps

In einem verzweifelten Versuch, die tiefe Finanzkrise zu lösen, hat die isländische Zentralbank am Mittwoch den Leitzins von 15,5 Prozent auf 12 Prozent gesenkt. Nach dem Zusammenbruch der drei größten Banken des kleinen Landes und deren Verstaatlichung vergangene Woche versucht die Zentralbank mit diesem Schritt die kollabierende Wirtschaft wieder anzukurbeln.

STOCKHOLM. Die Zentralbank gibt allerdings damit auch endgültig ihren Kampf gegen die hohe Inflation auf der Insel im Nordatlantik auf. Die Inflation lag zuletzt bei über 14 Prozent und dürfte nach der Zinssenkung weiter ansteigen, wie Analysten vermuten. Asgeir Jonsson, Experte bei der schwedischen Tochter der isländischen Bank Kaupthing, bezeichnete die deutliche Zinskorrektur dennoch als „höchst willkommen“ für die notleidende isländische Wirtschaft.

Andere Experten glaubten, dass die Leitzinssenkung keinen Einfluss haben werde. Lars Christensen, Chef-Analyst der Danske Bank in Kopenhagen, bezeichnete die Zinssenkung als „symbolischen Schritt“ und eigentlich „paradoxal“: Er schießt nämlich nicht aus, dass die Inflation auf Island bis auf 75 Prozent anziehen kann. Unter normalen Umständen würde eine Zentralbank bei Inflationsgefahr die Leitzinsen erhöhen, nicht senken. Andererseits benötigen isländische Unternehmen günstige Kredite, um beispielsweise der Forderung ihrer Lieferanten nach Vorkasse nachkommen zu können.

Für die isländische Zentralbank steht vieles auf dem Spiel: Vor einer Woche scheiterte sie mit ihrem Versuch, den Wert der isländischen Krone gegenüber ausländischen Währungen zu fixieren. Seitdem wird die Krone von ausländischen Banken nicht mehr gehandelt.

Sollte auch die Zinssenkung verpuffen, wird es für den bereits scharf kritisierten Zentralbankchef David Oddsson eng. Während seiner Zeit als Regierungschef hatte die enorme Auslandsexpansion der drei Banken Kaupthing, Landsbanki und Glitnir begonnen. Sie hatten in Nordeuropa und Großbritannien Banken, Versicherungen, Flug- und Telekomgesellschaften sowie Handelsketten aufgekauft. Die Akquisitionen wurden größtenteils über Kredite finanziert. Durch die globale Finanzkrise konnten die Banken ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen. Vergangene Woche verstaatlichte die Regierung alle drei Banken.

Islands Regierung hofft jetzt auch auf Hilfe aus dem Ausland: Das Land, das nicht der EU angehört, hatte vor zwei Wochen alle EU-Staaten angefragt, ob sie Notkredite zur Verfügung stellen können. Nachdem nur die nordischen Länder eine positive Antwort gaben, wendete sich Island an Russland. Dort verhandelt derzeit eine isländische Delegation mit russischen Vertretern über die Bereitstellung von rund vier Mrd. Euro. Gleichzeitig untersuchen Vertreter des Internationalen Währungsfonds zurzeit auf Island, wie die Organisation dem Land helfen kann. Die Zentralbanken von Dänemark und Norwegen erklärten sich unterdessen bereit, für insgesamt 400 Mio. Euro isländische Kronen zu kaufen, um sie so zu stützen.

Norwegens Nationalbank senkte am Mittwoch die Leitzinsen in Oslo um 0,5 Prozentpunkte auf 5,25 Prozent. Sie begründete den Schritt mit der Notwendigkeit, den Zugang zu den Kapitalmärkten zu erleichtern. Norwegen sei stärker von der Krise der Finanzmärkte betroffen, als zunächst erwartet. Das skandinavische Land gehört nicht der EU an.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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