Kein Trend
Inflation lässt Ökonomen kalt

Keine Panik! Trotz gestiegener Inflationsraten blicken die Chefvolkswirte der großen deutschen Banken entspannt auf die Konjunktur. Die Prognosen sind optimistisch. Nur eine Gefahr sehen sie übereinstimmend.

FRANKFURT. Die führenden Ökonomen großer deutscher Banken sehen in dem kräftigen Inflationsanstieg der letzten Monate kein großes Problem und rechnen mit einem baldigen, kräftigen Rückgang. Dass deutlich steigende Inflationsprämien die Zinsen am Kapitalmarkt nach oben treiben könnten, erwarten sie nicht.

In Deutschland war die Inflationsrate im November in der Berechnungsweise der EU auf 3,3 Prozent gestiegen, im Euro-Raum auf drei Prozent. Die Europäische Zentralbank (EZB) sieht bis knapp zwei Prozent Preisstabilität gewahrt. „In Anbetracht der vorübergehenden Sonderbelastungen wie Mehrwertsteuererhöhung, Ölpreisanstieg und Nahrungsmittelverteuerung ist drei Prozent noch ein recht moderater Wert“, sagte Michael Heise von Dresdner Bank und Allianz im Frankfurter Gespräch des Handelsblatts. Ab Januar fällt bereits der preistreibende Effekt der Mehrwertsteuererhöhung um drei Prozentpunkte in Deutschland von Januar 2007 aus dem Vorjahresvergleich heraus. Schon im zweiten Halbjahr nächsten Jahres rechnet Heise damit, dass die Inflationsrate im Euro-Raum wieder unter zwei Prozent fallen wird.

Auch Jörg Krämer von der Commerzbank ist überzeugt, dass eine deutliche Konjunkturabschwächung im nächsten Jahr dafür sorgen wird, dass der Preisdruck wieder nachlässt. „Die Löhne werden nur moderat steigen, auch weil die Arbeitnehmer im übrigen EuroRaum unter Druck stehen, dem deutschen Beispiel zu folgen“, so Krämer. Er sagt für das nächste Jahr in Deutschland eine Inflationsrate von nur noch 1,7 Prozent voraus. Thomas Mayer von der Deutschen Bank ist mit der Prognose von rund zwei Prozent für Deutschland und den Euro-Raum ähnlich optimistisch.

Lediglich Ulrich Kater von der Deka-Bank sagt voraus, dass die Inflation in Deutschland auch im nächsten Jahr mit rund 2,5 Prozent nochmals merklich über der Stabilitätsschwelle der EZB liegen werde. „Derzeit werden die Zutaten für mehr Inflation aus dem Schrank geholt: eine gut ausgelastete Volkswirtschaft, nachlassende Globalisierungseffekte, eine bevorstehende, sehr spannende Lohnrunde 2008 und eine gefühlte Inflation von sechs Prozent“, so Kater. „Die muss man jetzt nur noch zusammenrühren.“ Kater teilt nicht den Konjunkturpessimismus seiner Kollegen.

Während zum Beispiel Mayer damit rechnet, dass die US-Notenbank ihren Leitzins von derzeit 4,5 Prozent bis auf drei Prozent senkt und die EZB mit mehreren Zinssenkungen nachfolgt, prognostiziert Kater konstante EZB-Zinsen und sieht die Untergrenze für den US-Leitzins bei vier Prozent. Er verlässt sich darauf, dass die gute Konjunkturentwicklung in anderen Teilen der Welt die Abschwächung in den USA ausgleichen kann. Dagegen sind die anderen drei überzeugt, dass der Mix aus höherem Euro, höheren Ölpreisen, Probleme der Banken und US-Konjunkturabschwächung eine konjunkturelle Schwächephase auslösen werden.

Mittel- bis langfristig jedoch – da sind sich die vier Volkswirte einig – steigt der Inflationsdruck. Das werde den Notenbanken das Leben schwerer machen als in der Vergangenheit, aber es wird beherrschbar bleiben. „Bei der Inflationsbekämpfung gibt es lange Zyklen“, sagte Mayer. „Wenn sie lange Zeit niedrig ist, verschieben sich die Prioritäten.“ Für ihn war das Jahr 2001 ein Wendepunkt, als die US-Notenbank die Deflation zum Staatsfeind Nummer eins erklärte.

Wegen der Alterung der Gesellschaft sehen die Ökonomen Verteilungskonflikte aufziehen. Die Versuchung werde sein, diese Konflikte über Inflation zu entschärfen. „Noch haben wir aber kein Inflationsproblem, und die Finanzmärkte sehen das auch nicht“, sagte Heise mit Verweis auf Renditen zehnjähriger Staatsanleihen von nur rund vier Prozent. Die Chefvolkswirte sind sich weitgehend einig, dass die Renditen im nächsten Jahr etwas anziehen werden, wenn ein Teil des in sichere Staatsanleihen geparkten Geldes wieder abfließt.

Unterschiedliche Einschätzungen

Wissenschaftler: Die wissenschaftliche Stab der Europäischen Zentralbank (EZB) sagt voraus, dass die Inflationsrate im Euro-Raum 2009 wahrscheinlich mit 1,8 Prozent wieder unter der Stabilitätsmarke von zwei Prozent liegen wird. Damit liegen sie etwa auf Linie der Einschätzung der meisten Volkswirte.

Notenbanker: Angesprochen auf die Prognose des EZB-Stabs sagte Direktoriumsmitglied Jürgen Stark Ende letzter Woche: „Wir im EZB-Rat kamen zu einem anderen Schluss.“ Das finnische EZB-Ratsmitglied Erkki Liikanen sagte: „Die Stabsprognose ist optimistischer als meine Einschätzung.“ Der EZB-Rat ist erpicht darauf, die Märkte zu überzeugen, dass an eine Zinssenkung nicht zu denken ist.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%