Kein Zweifel an Draghi
Volkswirte rechnen fest mit EZB-Stimulus

Laut einer Umfrage rechnet die Mehrheit der Volkswirte im Juni mit einer Lockerung der Geldpolitik. Zusätzlich hoffen Investoren auf eine Konjunkturförderung und einen schwächeren Euro.
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Schwaches Wachstum, zu niedrige Inflation: Laut Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank fühlen sich die Währungshüter wohl dabei, im kommenden Monat zu handeln. Und so rechnen 90 Prozent der Volkswirte, die an der monatlichen Umfrage der Finanznachrichtenagentur Bloomberg teilgenommen haben, dass im Juni die Geldpolitik gelockert wird. Die Investoren hoffen auf zusätzliche Konjunkturförderung und einen schwächeren Euro.

Umso größer wäre ihre Enttäuschung, sollte Draghi nicht liefern. Fast ein Jahr nachdem der EZB-Präsident zusagte, die Erholung des Euroraums mit niedrigen Zinsen zu stützen, ist das Wachstum mittelmäßig und die Inflation weniger als halb so hoch wie von der EZB angestrebt. Damit steigt die Erwartung, dass die Notenbank energischer auftritt und radikale Schritte einleitet - von einem negativen Einlagensatz bis zum Ankauf von Aktiva.

„Draghi hat sich eindeutig im voraus festgelegt“, sagte Elwin de Groot, Volkswirt bei der Rabobank in Utrecht. „Wie jeder Notenbanker wissen dürfte, riskiert er seinen Ruf - und eine erhebliche Aufwertung des Euro - wenn die EZB im Juni die Ankündigung nicht erfüllt.“ In der Bloomberg-Umfrage rechneten 47 von 52 Teilnehmern für die nächste Sitzung des EZB-Rats am 5. Juni in Frankfurt mit einer Lockerung der Geldpolitik. 88 Prozent - so viele wie noch nie - bescheinigten den seit Juli in jedem Monat getroffenen Aussagen Draghis über das zu erwartende Zinsniveau die beabsichtigte Wirkung. Im September, als die Frage erstmals in die monatliche Erhebung aufgenommen wurde, vertraten nur 48 Prozent diese Auffassung.

Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie die EZB handelt

Über 60 Prozent deuteten seine Äußerungen im Anschluss an die Ratssitzung vom 8. Mai als Absichtserklärung. Die Währungshüter seien unzufrieden mit dem Inflationsausblick, und fühlten sich wohl dabei, beim nächsten Mal zu handeln, sagte Draghi bei dieser Gelegenheit. „Die Zeiten, in denen man sich niemals im voraus auf geldpolitisches Handeln festlegte, sind vorbei”, sagte Duncan de Vries, Volkswirt bei NIBC Bank NV in Den Haag. „Die einzige Ungewissheit, die am Markt noch besteht, ist die Frage, welche Maßnahmen die EZB nächsten Monat ergreifen wird.“

Von den 47 Volkswirten, die mit geldpolitischen Maßnahmen rechnen, erwarten 29 gleichzeitig eine Senkung des Hauptrefinanzierungssatzes von derzeit 0,25 Prozent sowie des Einlagensatzes von derzeit null Prozent. Damit wäre die EZB die erste bedeutende Notenbank, die Banken Gebühren für Übernacht-Einlagen abverlangt. Dänemark beendete ein entsprechendes Experiment im April. In einer vergangene Woche veröffentlichten separaten Umfrage sagten 39 Volkswirte im Median eine Senkung des EZB- Leitzinssatzes um 10 Basispunkte auf 0,15 Prozent voraus. Dreizehn Prozent der Teilnehmer an der Monatsumfrage erwarten, dass Draghi die Sterilisierung von Anleiheankäufen aus der Zeit der Krise aussetzen wird. Damit würden dem Finanzsystem rund 170 Mrd. Euro zugeführt. Von einer Ausweitung der langfristigen Kredite an Banken gehen nur acht Prozent der Umfrageteilnehmer aus. Ebenso hoch ist der Anteil derer, die ein Programm zum Ankauf von Aktiva kommen sehen.

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  • Herr Weidmann!
    "Die EZB verstößt gegen geltendes EU-Recht. Laut Artikel 123 ist eine Finanzierung des Staatshaushaltes durch die gemeinsame Zentralbank, die über den Umweg der Anleihenkäufe der EZB seit Mai 210 faktisch praktiziert wird verboten. Die EZB missachtet jedoch das Verbot der Staatsfinanzierung. Quelle S 250 "Der größte Raubzug der Geschichte."
    Doch zum dem Satz: das Geld auf dem Konto zu lassen, folgende Anmerkung:
    Die dem Buch "Der größte Raubzug der Geschichte" Seite 312 Urteil Landgericht Berlin Aktenzeichen 10 O 360/09: "Das Urteil schwächt die Rechte der Kunden auf Schadenersatz aus dem Einlagensicherungsfonds des Bundesverbandes deutscher Banken immens. Die Richter wiesen eine Klage mit der Begründung ab, es bestehe für Bankkunden grundsätzlich kein Rechtsanspruch auf Leistungen aus dem Einlagensicherungsfonds."

    Seite 250, EZB- eine Zentralbank die nicht mehr unabhängig ist."Unglaublicherweise akzeptiert die EZB seit Mai 2010 griechische Staatsanleihen als "Sicherheit" - Papiere, die von Ratingagenturen als "Ramsch" bewertet werden. ... Seit Mai 2010 existiert somit ein Freifahrtschein der EZB für alle Defizitsünder. ... Somit druckt die EZB faktisch Geld ... "

    Alles Wahnsinn. Ausverkauf der Staaten hat Draghi vor und sonst nichts! Bei Goldman-Sachs hat er ja gelernt wie das geht, nur von den regierenden merkt keiner was oder will es nicht wissen, warum wohl?
    Am 25.5. AfD wählen und alles auf der website www. alternativefuer.de lesen.

  • Die Geldmenge M2 hat sich nach Angaben der Europäischen Zentralbank seit Einführung des Euro rund verdoppelt. Jeder, dessen Vermögen oder Einkommen sich in diesem Zeitraum nicht verdoppelt hat, ist relativ gesehen also der Dumme im großen Gelddruck-Spiel von Noten- und Geschäftsbanken.

  • Es ist schon erstaunlich, wie Volkswirte und Spekulanten ein Handeln der EZB erzwingen wollen, nur um die Kurse zu stützen. Dabei scheint die Inflationsrate einer Berechnungsmethode zu unterliegen, die man gefühlt nicht nachvollziehen kann.
    Andererseits ist gerade die USA ein schlechtes Beispiel für ein solches Handeln: Die FED hat Billionen in die Hand genommen, am Arbeitsmarkt hat sich aber die Situation nicht spürbar gebessert und auch das BIP stagniert. Wieso will Draghi nun die selben Fehler machen wie die FED? Schäuble hat schon recht, wenn er billiges Geld mit Drogen für Süchtige vergleicht - nur der Momentanzustand verbessert sich, langfristig aber ist niemand geholfen.

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