Kolumbien
Bürgerkriegsland im Imagewandel

Lange herrschten in Kolumbien Drogen- und Bürgerkriege. Damit soll jetzt Schluss sein. Das lateinamerikanische Land entwickelt sich immer stärker zum Tigerstaat – auch dankt der boomenden Chemieindustrie.
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Der Aufstieg Kolumbiens zum Liebling der Auslandsinvestoren ist derzeit die überraschendste Erfolgsgeschichte Lateinamerikas. Dem Land ist der Imagewandel vom Bürgerkriegsland zum Tigerstaat gelungen. Die Regierung hat den Einfluss der linken Guerilla und der rechten Paramilitärs zurückzudrängen, die auch den Drogenhandel beherrschen. Mit Sonderwirtschaftszonen und niedrigen Steuersätzen hat sie ausländische Unternehmen ins Land gelockt.

Nirgendwo in Lateinamerika steigen die Investitionen schneller. 2011 floss die Rekordsumme von 13,2 Milliarden Dollar nach Kolumbien - viermal so viel wie zehn Jahre zuvor. Öl, Gold, Kohle und Kaffee locken Kapital an.

In Kolumbien gebe es einen großen Nachholbedarf, sagen deutsche Unternehmensvertreter. Das sei wie im Deutschland der Nachkriegszeit. Dem rechtsgerichteten Ex-Präsidenten Álvaro Uribe (2002 bis 2010) ist es gelungen, den 50 Jahre alten Bürgerkrieg zu beruhigen. Die Städte sind sicherer geworden; auch die großen Transportachsen über Land sind befahrbar. Seit zwei Jahren ist eine Regierung der nationalen Einheit unter Juan Manuel Santos im Amt. Seither sind zwei Millionen Jobs entstanden. "Die Kooperationswilligkeit der großen Parteien verspricht auch für die Zukunft stabile politische Verhältnisse", urteilt Prognos.

Die Forscher sehen für deutsche Unternehmen vor allem in Verbindung mit dem Rohstoffboom Exportchancen. Der Bergbau habe Bedarf an elektrotechnischer Ausrüstung, Maschinen und Anlagen; die stark wachsende Stromnachfrage erfordere einen Ausbau der Energieinfrastruktur.

Die größte Industriebranche in Kolumbien sei aber die Chemie. Auch hier sieht Prognos gute Chancen für deutsche Firmen beim Bau neuer Raffinerien und Kunststofffabriken. Insgesamt sei Kolumbien aber vor allem als Exportziel interessant und nicht als Standort von Werken. Nur für Autozulieferer gebe es Investitionschancen: Der Fahrzeugbau wird laut Prognos bis 2025 um durchschnittlich sieben Prozent im Jahr wachsen. Die Regierung fördere in Sonderwirtschaftszonen den Aufbau einer Autozulieferindustrie.

Ein Vorteil Kolumbiens sei die volkswirtschaftliche Stabilität, so Prognos. Die Inflation liegt seit Jahren zwischen 2,5 und fünf Prozent, und mit seinen Haushaltsdaten erfüllt das Land locker die Kriterien des Maastricht-Vertrags. Die institutionellen Rahmenbedingungen für Unternehmen sind gut: Laut Doing-Business-Index der Weltbank gehört Kolumbien zu den attraktivsten Ländern der Region.

Es gibt aber auch noch viel zu tun: Die Verkehrsinfrastruktur kann mit den erwarteten Wachstumsraten von durchschnittlich 4,7 Prozent im Jahr nicht mithalten. Die Regierung habe sie bisher vernachlässigt, sagt Roberto Steiner, Ex-Direktor des kolumbianischen Forschungsinstituts Fedesarollo. Bis 2018 will sie nun die Autobahn-Kilometer vervierfachen, die Eisenbahnstrecken verdreifachen und die Umschlagkapazitäten in den Häfen verdoppeln. Steiner fordert zudem umfangreiche Reformen im Sozialsystem, auf dem Arbeitsmarkt und im Steuerwesen.

Und auch die Sicherheitsprobleme sind noch nicht gelöst. Im rohstoffreichen Südwesten ist die Guerilla nach wie vor stark, und Kolumbien ist nach wie vor der weltgrößte Kokain-Produzent.

Klaus Ehringfeld
Klaus Ehringfeld
Handelsblatt / Korrespondent

Kommentare zu " Kolumbien: Bürgerkriegsland im Imagewandel"

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  • Herr Ehringfeld, die Realität in Kolumbien ist eine Andere, als jene optimistische, die Sie in Ihrem Artikel beschreiben. Beispiel: "Niedrige Steuersätze". Selten so gelacht. "Bis 2018 will sie ... die Eisenbahnstrecken verdreifachen". Welche Eisenbahnstrecken?

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