Kommentar
Der IWF verabschiedet sich von fundamentalen Leitlinien

Schon unter Strauss-Kahn wurde der Internationale Währungsfonds zunehmend zum globalen Rettungsnetz ausgebaut. Christin Lagarde wird als neue Chefin diesen Kurs beibehalten - und die Popularität des IWF immens steigern.

Einen strengen Hüter der Ordnungspolitik hatte schon Dominique Strauss-Kahn nicht im Internationalen Währungsfonds (IWF) gesehen. Schritt für Schritt weichte der Franzose die Prinzipien der Geldvergabe auf und funktionierte den Fonds zu einem globalen Rettungsnetz um, das jederzeit zur Stelle ist. Knapp drei Monate nach Übernahme des IWF durch Christine Lagarde besteht kein Zweifel, dass dieser Umbau fortgesetzt wird.

Die Französin wird den IWF als weltumspannenden Versicherungskonzern institutionalisieren. Die Juristin Lagarde ist dabei weniger von ökonomischen Überzeugungen getrieben als von schlichter Pragmatik. Mit Geld will sie sich gegen die drohende Lawine stemmen, Zeit kaufen und auf Besserung hoffen. Dabei helfen auch ihr die Zeitläufte, helfen Schuldenchaos in den USA, Euro-Krise und tief verunsicherte Finanzmärkte. Wer mag da auf die Einhaltung von Prinzipien pochen, außer den Deutschen und noch einigen wenigen Gefolgsleuten?

Wer heute die Diskussion beim Fonds oder der Europäischen Zentralbank (EZB) verfolgt, der ist überrascht, wie schnell der Abschied von einst fundamentalen Leitlinien vollzogen wurde. Weil die Politik versagt, erbietet sich die EZB als Aufkäufer von Anleihen, die keiner haben will. Und der IWF pumpt Geld in Länder allein auf Basis von Annahmen, ohne dass sich die Empfängerstaaten fest auf Bedingungen verpflichten müssen.

Wer glaubt, dass diese Entwicklung noch je einmal wieder zurückgedreht werden könnte, dürfte sich mächtig täuschen. Es ist für die Politik politisch einfach zu verführerisch, die Last der Entscheidung auf andere wie die EZB oder den IWF abzuwälzen. Insbesondere dann, wenn sich diese anderen nicht wehren, zuweilen gar nach der neuen Rolle drängen.

Der Preis dieser Politik ist hoch. Allerdings: Seine volle Höhe wird erst später sichtbar werden. Dann nämlich, wenn sich die Nutznießer dieser Hilfen nicht mal an die niedrigen Standards halten wollen, die bei der Vergabe vereinbart wurden - siehe Italien. Oder wenn die Schulden, die auf diese Weise aufgehäuft werden, zurückbezahlt werden müssen. Doch die Politik mit ihren kurzfristigen Interessen kümmert das herzlich wenig. Und die letzten Ordnungspolitiker, die zumindest als Warner eine wichtige Rolle spielen, gehen über Bord.

Unter Christine Lagarde wird der IWF seine Popularität immens steigern. Denn wer in Not geraten ist, der wird sich gerne an den Fonds wenden. Schon jetzt ist der IWF mit einem Mittelportfolio ausgestattet, das schwindelerregende Höhen erreicht hat. Alles zusammen genommen, kann der Fonds auf rund eine Billion Dollar zugreifen - oder diese Summe von seinen Mitgliedern zumindest einfordern. Es könnte sein, dass es dabei nicht bleibt. Die Direktorin hat bereits signalisiert, dass der Fonds in Zukunft wohl noch mehr Geld braucht. Von der Rechnung, die eines Tages zu begleichen ist, spricht sie leider nicht.

Der Autor ist Korrespondent in Washington. Sie erreichen ihn unter: ziener@handelsblatt.com

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
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