Kommentar
Professorengeschwätz? Diesmal nicht

Das nahezu 500 Seiten dicke Gutachten der Wirtschaftsweisen, das Angela Merkel heute erhalten hat, sollte sie lesen. Sie sollte das Buch nicht als Ratschläge aus dem Elfenbeinturm abtun. Diesmal nicht.
  • 8

FrankfurtDie Ökonomenzunft mussten in der Krise zwar harsche Kritik einstecken, weil kaum einer von ihnen die Probleme kommen sah und weil ihre Konjunkturprognosen rückblickend mit der Realität wenig zu tun hatten. Die Wirtschaftsweisen haben ihre Lehre gezogen - und alternative Wachstumsszenarien aufgestellt, und eindeutig vor der erheblichen Unsicherheit ihrer Vorhersagen gewarnt. Denn: Vorhersehbar ist der Fortgang der Krise nicht. Es ist lediglich machbar, Szenarien aufzuzeigen, zu begründen und zu erläutern, welches wie wahrscheinlich ist.

Vor allem aber eine Kernbotschaft haben die Ratsmitglieder nach Berlin gebracht: ein klares Bekenntnis für Europa. Und eine klare Vorstellung, welche Rolle Deutschland dabei spielen soll. Das Land müsse „europäisch handeln“.

Auch wenn der Ton der Volkswirte diplomatisch und ihre Forderung nicht klar adressiert ist: Diese Botschaft geht eindeutig an die Adresse der Bundesregierung - und kann kaum anders verstanden werden als eine Klage, dass die Bundesregierung nicht verantwortungsvoll genug im Sinne Europas handelt. Wie ernst es den Ökonomen damit ist, demonstriert allein der Titel, den sie für ihr Gutachten gewählt haben: „Verantwortung für Europa wahrnehmen“.

Das erinnert stark an die Worte, die Altbundeskanzler Helmut Schmidt bei der Verabschiedung von EZB-Präsident Trichet vor einigen Wochen in Frankfurt für die anwesenden hochrangigen Politiker fand: Es handele sich in Wahrheit „um eine Krise der Handlungsfähigkeit der politischen Organe›, hatte der Sozialdemokrat gewettert. Und noch drastischer formuliert: „Für die weitere Zukunft Europas ist das eine viel größere Bedrohung als die Überschuldung einiger Euro-Länder.“

Ein Altkanzler und Wissenschaftler können solche Kritik freilich leicht vorbringen - sie sind nicht eingebunden in langwierige Abstimmungsprozesse und müssen keine verfassungsrechtlichen Fragen beantworten. Ihre Forderung nach einem klar erkennbaren Kurs bleibt dennoch richtig.

Spätestens seit 2008 ist bekannt, was für dramatische Folgen es für die Realwirtschaft haben kann, wenn die Unternehmen verunsichert sind und sie keine Planungssicherheit haben. In den letzten Wochen hat sich angedeutet, dass einige Firmen geplante Investitionen zurückstellen - und erst einmal abwarten. Dieser für den einzelnen nachvollziehbaren Schritt ergibt einen riskanten Weg für die Gesamtwirtschaft. Ausgang ungewiss.

Kommentare zu " Kommentar: Professorengeschwätz? Diesmal nicht"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • ein schwacher Helfer geht selbst unter . . . . diese bestätigte Wahrheit gibts auch schon paar tausend Jahre, der Rest sind ungeprüfte Ansätze. Ich lasse hier bewusst Lösung vor dem Anstatz weg. Wie wird eine saubere Rechnung erstellt? Strich drunter, addieren und nur das ist eine sauber Bezugsgrösse. Nicht das psychologische Moment eines verkoksten Investmentbankers, etc. p.p. Manches klingt einfach, bedingt aber das man auch nen Arsch in der Hose hat - und genau das geht diesen Schauspielern komplett ab.

  • Wer wirklich ein geeintes Europa will, der muß sich von nationaler Souveränität verabschieden. Das bedeutet dann eine europäische Regierung mit entsprechender Kompetenz und Verantwortung gerade auch im Bereich von Finanzen, Geld und Staatshaushalt.

    Aber genau das wollen die Regierungen der Euroländer eben nicht; sie wollen lediglich Vorteile von EU und Eurozone mit € für nationale Zwecke nutzen, aber Zuständigkeiten nicht abgeben. Daran scheitert das Ganze.

    Ob die Bevölkerungen das wollen - danach hat man die Menschen sowieso nicht oder nur sehr bedingt gefragt. Die Politik sollte sich selbst gegenüber und ihren Wähler gegenüber endlich einmal ehrlich sein.

  • Hallo Frau Heß, wie wäre es mit diesen Gedanken? Wir sprechen hier von einem Lösungsmuster für die Ökonomie und ihrer mehrheitlichen Probleme. http://www.schubaeusmodell.de/fileadmin/files/Dokumente/Regelwerk.pdf

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%