Kommentar
Warum Amerika darf, was Griechenland verwehrt bleibt

Beide sind überschuldet, aber Amerika ist groß, Griechenland klein. Ein Zahlungsausfall wäre in beiden Fällen eine Katastrophe, aber im Gegensatz zu Athen hat Washington ein probates Mittel gegen die Zahlungsunfähigkeit.
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FrankfurtGriechenland und die USA haben ziemlich ähnliche Probleme, nicht nur in der Richtung, sondern auch in der Intensität. Die US-Regierung ist mit knapp einer Jahreswirtschaftsleistung verschuldet, der Griechische Staat etwas höher. Dafür dürfte das Haushaltsdefizit der USA in diesem Jahr nur wenig unter zehn Prozent fallen, Griechenland scheint hier schon etwas weiter.

Beide Länder haben ein hohes Defizit im Außenhandel, wenn auch derzeit das griechische noch höher ist. Beide Länder sind weitgehend deindustrialisiert. Zwischen 1990 und 2010 ist die Beschäftigung in der US-Industrie um ein Drittel auf 11,5 Millionen gefallen. Waren 1960 noch drei von zehn Arbeitnehmern in der Industrie beschäftigt, ist es heute nur noch jeder zehnte. Bei diesem Rückgang kann nicht einmal Griechenland mithalten.

Warum also haben die Rating-Agenturen Griechenland schon auf tiefsten Ramsch-Status gesetzt, während sie bei den USA erst prüfen, ob sie der wirtschaftlichen Führungsmacht vielleicht irgendwann die Top-Bonität entziehen sollten?

Der wichtigste Unterschied ist, dass der Dollar die Weltleitwährung ist, und sich die USA daher in eigener Währung und sehr günstig verschulden können. Weil die USA so günstig Kredit im Ausland bekommen, sind ihre Nettoeinnahmen aus Kapitalanlagen immer noch positiv, obwohl die USA per Saldo hoch im Ausland verschuldet sind. Weil sie in eigener Währung im Ausland verschuldet sind, eine Währung, die sie selbst drucken können, haben sie es jederzeit in der Hand, ihre Auslandsschuld zu entwerten.

Ganz anders Griechenland. Als Mitglied er Währungsunion kann das Land keine eigene Währung drucken. Es kann nicht einmal abwerten, um die preisliche Wettbewerbsfähigkeit seiner Exportindustrie wieder herzustellen. Während die USA extrem günstig von den Kapitalmärkten Kredit bekommen, bekommt diesen Griechenland nur zu prohibitiv hohen Zinsen.

Aufgrund dieser Unterschiede können die USA ganz ungeniert weiter eine Politik der Nachfragestimulierung über Staatsausgaben und lockere Geldpolitik verfolgen, während Griechenland einer extrem restriktiven Finanzierungsbedingungen ausgesetzt ist und mit einem harten Sparkurs in der Finanzpolitik die Rezession noch verschlimmern muss, ein Kurs, der letztlich in den Konkurs oder die dauerhafte Abhängigkeit von Hilfszahlungen führen wird.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

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  • Schaut doch mal hier. Sehr schön visualisiert wie hoch die jeweiligen Verschuldungen sind.

    http://www.usdebtclock.org/world-debt-clock.html

  • Danke Herr Häring. Kurz und knapp die wesentlichsten Unterschiede herausgestellt. Hinzu kommt das die Amerikaner (Goldman Sachs ist nicht irgendwer) den Griechen beim Betrügen noch kräftig geholfen haben. Gibt den Griechen ihre Währung zurück und sie können wieder ein freieres Leben führen - wenn man gleichzeitig KEINE weitere Kredite (Zinserpressungen) gibt. Der Mensch braucht ein Dach über den Kopf und etwas zu Essen als Minimum, beides ist für die Griechen überhaupt kein Problem dafür selbst zu sorgen. Sie können sich einfach nicht so viel aus dem Ausland leisten, wenn sie lieber in der Sonne liegen, das ist auch keine Faulheit, nur alles zusammen geht halt nicht. Deswegen: WEG mit den EU-Verbrechern und natürlich weg mit Papandreau, Griechen seid standhaft, interessiert euch für das bandbreitenmodell.de und paßt es für euch an. "Die Vergewaltigung Griechenlands": http://is.gs/ef4

  • Die strukturelle Staatsverschuldung in den USA liegt bei rund 98 % ( http://www.treasurydirect.gov/NP/BPDLogin?application=np ).

    Es ist eine Sache, ob man sich verschulden kann. Eine andere Frage ist es, wie die Schulden bedient und abgetragen werden können. Darüber entscheidet die Wirtschaftsleistung insgesamt. Und da sieht es aktuell nicht so rosig aus.

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