Kommentar zur Energiewende
Die Rechnung kommt noch

Der Umbau der deutschen Energieversorgung verursacht Zusatzkosten in dreistelliger Milliardenhöhe. Das gefährdet die Liberalisierung der Energiewirtschaft.
  • 8

DüsseldorfNach dem Schrecken von Fukushima und der panischen Radikalwende der Bundesregierung wähnte sich die Mehrheit der Deutschen auf der richtigen, weil politisch korrekten Seite: Schluss mit der Atomkraft, her mit der guten, grünen Energie.

Wer in dieser Phase größter Verunsicherung an der Umsetzbarkeit des politisch motivierten Kursschwenks zweifelte, wurde als Ewiggestriger verspottet. Kündete die Wahl des ersten grünen Ministerpräsidenten ausgerechnet im Land der Tüftler und Mittelständler nicht von einer neuen Zeit? Und haben die Grünen ihren Kulturkampf gegen die Kernenergie inzwischen nicht zweifelsfrei gewonnen - wenn auch unter dem Eindruck der japanischen Katastrophe?

Inzwischen ist Fukushima in den Hintergrund getreten, und die Wissenschaftler verschiedener Institute haben einmal kühl nachgerechnet. Das Ergebnis ist so voraussehbar wie erschreckend: Der überhastete Verzicht auf die Kernkraft wird Bürgern und Industrie Zusatzkosten in dreistelliger Milliardenhöhe aufbürden. Hauptgrund sind die horrenden Kosten zur Förderung der erneuerbaren Energien, die schon in wenigen Jahren das Rückgrat unserer Stromversorgung bilden sollen.

Natürlich war die Kernkraft ohnehin nur noch als Brücke in das Zeitalter der nachhaltigen Energien gedacht. Wenn aus der geplanten Brücke aber jetzt ein kurzer Steg wird, muss eben umso mehr Kraft aufgewendet werden, um das andere, das grüne Ufer zu erreichen.

Völlig unterschätzt in der Politik wird zudem die Frage, wer denn in den nächsten Jahren überhaupt noch in den Umbau der Energieversorgung in Deutschland investieren soll. Denn nicht nur die Kernkraft, sondern auch die Kohle steht inzwischen auf dem Index. Niemand will künftig das Risiko eingehen, milliardenschwere Investitionsruinen zu hinterlassen, weil sich politische Rahmenbedingungen ständig ändern. Selbst der Neubau der vielgepriesenen Gaskraftwerke lohnt sich nach Aussage der meisten Versorger kaum.

Und schließlich: Wer steckt jetzt noch Milliardensummen in den Bau der erforderlichen neuen Hochspannungsnetze? Die großen Energiekonzerne haben längst die Lust am Netzgeschäft verloren. Gibt der Regulierer hier nicht zulasten der Verbraucher nach und gestattet wieder satte Renditen, wird sich daran kaum etwas ändern. Selbst das Geschäft mit Sonne und Wind lockt nur noch so lange mit hübschen Gewinnen, wie der Stromkunde draufzahlt. Aus dem alten "Kohlepfennig" wird dann der ewige "Biostrom-Cent".

Ziehen aber die Investoren nicht mit und werden die Kräfte des Marktes im Energiesektor aus politischen Gründen immer mehr außer Kraft gesetzt, landen wir in einer für die gesamte deutsche Industrie lebenswichtigen Branche wieder bei der Planwirtschaft. Das wäre ein trauriges Ende des vor 15 Jahren hoffnungsvoll begonnenen Aufbruchs in die Liberalisierung der Energiewirtschaft.


Der Autor leitet das Ressort Wirtschaft und Politik. Sie erreichen ihn unter: goffart@handelsblatt.com

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter

Kommentare zu " Kommentar zur Energiewende: Die Rechnung kommt noch"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Nichts hat die Kräfte des Marktes im Energiesektor derart außer Kraft gesetzt, wie die Erzeugung von Energie durch Atomkraftwerke. Ohne direkte und indirekte Subventionen in aberwitziger Höhe vom Steuerzahler hätte kein einziges AKW rentabel betrieben werden können.

    Die größten "Angsttrompeter" im Land sind offensichtlich die hysterisch wirkenden Atomkraft-Befürworter: Die Lichter werden ausgehen, der Russe wird im Dunkeln einmarschieren und Energie wird unbezahlbar werden.

    Die Verbraucher haben gewiss nicht vergessen, dass die Strompreise von den raffgierigen Betreibern ständig erhöht wurden, obwohl die Gewinne sprudelten.

  • Bis die gesamten negativen Auswirkungen des übereilten und vor allem falsch gemachten Atomausstiegs sichtbar wrden, sind Merkel und vor allem die antidemokratischen und völlig idiotischen heutigen Grünen nicht mehr in der Politik. Es ist ihnen somit egal
    Und gnau so handeln sie auch derzeit.

  • Der Energiepreis ist ein Standortfaktor. Diesen Faktor ohne Not zu verteuern bedeutet die weitere Abwanderung von Branchen (Arbeitsplätzen) aus unserem Land. Länder wie Frankreich, Uruguay, Österreich, Island und die USA bieten eine Alternative.

    Die Gründe liegen entweder in den geografischen Besonderheiten (Wasserkraft und Thermische Energie) oder in eine planbare kostengünstige Energiepolitik (Atomtechnik)

    Dabei hat Frankreich noch das Potenzial die Wasserkraft auszubauen und damit weiter günstig und begrenzt umweltfreundlich Energie zu erzeugen.

    Die Subventionierung der Wind- und Solarindustrie hat Gesamtwirtschaftlich keine neuen Arbeitsplätze geschaffen. Es wurden zwar neue Arbeitsplätze in diesen Branchen geschaffen aber im gleichen Zeitraum wurden diese in anderen Branchen vernichtet.

    Dabei haben diese Subventionen keine nachhaltige Stärkung der Branchen (Solar- und Windenergie) zur Folge gehabt. Die Subventionen flossen zu einen großen Teil nach China und dienten den Aufbau der dortigen Solarindustrie (Produziert wird in China) andere Länder wie die Schweiz haben auf Subventionen verzichtet und ihre Solarfirmen kaufen schon die „Filetstücke“ der Solarindustrie in der Bundesrepublik Deutschland.

    Die „Subventionsverwöhnte Solar- und Windenergiebranche“ verliert weiter an Marktanteile.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%