Konjunktur
„Alle Ökonomen haben die Krise unterschätzt“

Banken und Institute überbieten sich mit düsteren Szenarien für die deutsche Wirtschaft. Die Commerzbank setzte sich am Montag mit einem prognostizierten Einbruch der Wirtschaftsleistung von sieben Prozent an die Spitze der Konjunkturpessimisten. Kommt es noch schlimmer? Ausgeschlossen ist das nicht, haben die Ökonomen das Ausmaß der Krise doch schon vor Wochen unterschätzt, wie jetzt das Ifo-Institut einräumte.

DÜSSELDORF. Warum überbieten sich eigentlich Forschungsinstitute, Bankanalysten und internationalen Organisationen ständig mit immer neuen noch schlechteren Konjunkturprognosen? Müssten Sie es eigentlich nicht besser wissen? Nicht unbedingt, räumt der Konjunkturchef des Münchner Ifo-Instituts, Kai Carstensen, im Gespräch mit Handelsblatt.com ein. „Wenn man uns Prognostikern etwas vorwerfen kann, dann ist es doch, dass wir alle die Rezession enorm unterschätzt haben“, sagte Carstensen. Gleichwohl warnte der Ökonom davor, aus der Prognose-Debatte falsche Schlüsse zu ziehen.

Konkret wandte sich Carstensen gegen Aussagen des Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, Klaus Zimmermann. Dieser hatte am Freitag in einem Gastbeitrag bei Handelsblatt.com seine Zunft ungewöhnlich deutlich bloßgestellt, indem er ausführte, dass der „Prognoseabwärtswettlauf“ der Forschungsinstitute, Bankanalysten und internationalen Organisationen die Schwere und Länge der Wirtschaftskrise noch verschärft habe. Der Ökonom klagte in seinem Beitrag über „eine Kaskade von Prognosen und ihre Revisionen“ in den vergangenen Wochen und fragt, „ob es nicht in solchen Situationen besser wäre, auf die Veröffentlichung von neuen Prognosen für eine Weile zu verzichten“.

Ifo-Mann Carstensen zeigte sich irritiert über Zimmermanns Thesen und erklärte, wenn alle Ökonomen den Verlauf der Krise unterschätzt hätten, dann sähe der DIW-Präsident mit seiner Behauptung einer verstärkenden Wirkung negativer Prognosen "ziemlich alt" aus. Überdies habe sich am meisten wohl das DIW verschätzt, betonte Carstensen. „Das kann passieren, aber sich dann zu rechtfertigen, indem implizit die Behauptung aufgebaut wird: ‚Wenn die anderen nicht so pessimistisch gewesen wären und damit die Wirtschaft in den Abgrund gerissen hätten, dann hätte das DIW richtig gelegen’ ist schon ein starkes Stück.“

Ähnlich kritisch hatten sich vor dem Ifo auch andere Ökonomen mit Zimmermanns Aufsatz auseinandergesetzt. So hatte der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, Gustav Horn, im Gespräch mit Handelsblatt.com gefragt: „Könnte es vielleicht sein, dass Herr Zimmermann mit seinen Thesen von den prognostischen Fehlleistungen seines eigenen Instituts ablenken will, das den Einbruch der Krise völlig verschlafen hat?“ Der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, gab, ähnlich wie Ifo-Ökonom Carstensen, zu bedenken, dass fast alle Volkswirte seit Monaten durch schlechte Konjunkturdaten überraschten. "Das zeigt doch, dass sie eher Getriebene als Treibende der Konjunktur sind“, sagte Krämer Handelsblatt.com.

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