Konjunktur
Amerika verliert Jobs, Jobs, Jobs

Die Rezession hat die USA weiter fest im Griff: Die Arbeitslosenquote ist im Juni auf 9,5 Prozent geklettert und damit auf den höchsten Stand seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Eine Wendepunkt ist nach Einschätzung von Experten nicht in Sicht. Sie befürchten vielmehr, dass die Jobkrise noch mehrere Jahre schmerzhaft bleibe.

NEW YORK. Auf dem US-Arbeitsmarkt ist keine Besserung in Sicht. Die weltgrößte Volkswirtschaft hat trotz anlaufender Konjunkturprogramme im Juni erneut 467 000 Arbeitsplätze verloren und damit gut 100 000 Jobs mehr, als Experten erwartet hatten. Im Mai waren nur 322 000 Jobs verlorengegangen. Die Daten wurden mit Enttäuschung aufgenommen und drückten die Börsen weltweit ins Minus.

Besonders von Entlassungen betroffen seien das verarbeitende Gewerbe, Dienstleistungen sowie der Bausektor, teilte das US-Arbeitsministerium mit. Die Arbeitslosenrate kletterte auf 9,5 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit Sommer 1983. Die breiter gefasste Zahl der "Unterbeschäftigten" liegt nun bei 16,5 Prozent. Sie schließt auch unfreiwillig Teilzeitbeschäftigte ein sowie Arbeitslose, die gar nicht mehr auf der Suche nach einem Job sind.

Ökonomen sorgen sich wegen der Folgen der wachsenden Arbeitslosigkeit. Viele Menschen würden "entmutigt", sagte Lynn Reaser vom Wirtschaftsverband National Association for Business Economics: "Es beeinflusst ihr Konsumverhalten, ihre ganze Psyche." Das erschwert eine durchgreifende und nachhaltige Erholung der US-Wirtschaft. Die Ausgaben des traditionell konsumfreudigen US-Verbrauchers machen inzwischen 72 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus, so viel wie nie zuvor.

Zwar sehen die aktuellen Arbeitsmarktdaten etwas besser aus als zu Jahresbeginn, dem vermeintlichen Höhepunkt der Krise mit dem Verlust von 700 000 Jobs pro Monat. Experten warnen aber davor, die jüngste Erholung am Finanzmarkt sowie Hoffnungen auf eine Trendwende der US-Wirtschaft auf die Beschäftigungssituation zu übertragen. "Die Zahl der Stellen wird im Rest des Jahres weiter sinken, und die Arbeitslosenquote wird weiter steigen", sagte John Silvia, Chefökonom der US-Bank Wachovia der Nachrichtenagentur Bloomberg. Die Herausforderung für die Regierung werde sein, "dass es zwar Wirtschaftswachstum geben wird, aber noch keine Zuwächse bei den Stellen. Das wird hart."

Nigel Gault, Chefökonom des Analyse-Instituts IHS Global Insight, geht ebenfalls davon aus, dass die Arbeitslosenrate weiter klettern und in der ersten Hälfte 2010 bei 10,3 Prozent ihren Höhepunkt erreichen wird. So sind die Entlassungswellen etwa in der besonders von der Krise getroffenen US-Autoindustrie noch in vollem Gange. Die Hersteller General Motors (GM) und Chrysler werden über staatlich gelenkte Konkursverfahren kernsaniert und deutlich schlanker aufgestellt als in der Vergangenheit. Allein US-Marktführer GM, jahrzehntelang der größte Autokonzern der Welt, will vier seiner acht Automarken abstoßen und die Zahl der Fabriken und Mitarbeiter deutlich senken.

Der Autohandel warnt im Zuge von Zwangsschließungen vor einem Verlust von bis zu 200 000 Arbeitsplätzen, während immer mehr Fahrzeug-Zulieferer vor dem Finanzkollaps stehen. Einer ihrer Hauptkunden, Ford, hat angekündigt, sich bis Jahresende von 850 Autoteile-Herstellern zu trennen und damit das Netz an Zulieferern fast zu halbieren. Experten warnen davor, dass nun in diesem Bereich die nächsten Dominosteine fallen: Zur Wochenmitte musste der führende Autositze Lear Corp. -Hersteller mit 90 000 Mitarbeitern und 14 Mrd. Dollar Umsatz Konkurs anmelden. Damit sind im laufenden Jahr schon mehr als 20 große Zulieferer in die Pleite gerutscht.

Auch in den Dienstleistungsbranchen, einer traditionellen Stärke der USA, steigt die Zahl der Entlassungen deutlich an: Allein Banken, Versicherer, Händler und Gaststätten haben im Juni 244 000 Arbeitsplätze abgebaut, gut doppelt so viele wie im Monat zuvor. Die bereits seit Beginn der Rezession Ende 2007 schwer gebeutelte US-Baubranche strich derweil 79 000 Stellen, im Vormonat waren es nur 48 000. Aus dem öffentlichen Sektor häufen sich die schlechten Nachrichten ebenfalls. Dort gingen im Juni 52 000 Jobs verloren, und die Aussichten verdüstern sich angesichts gravierender Finanzprobleme. Viele öffentliche Haushalte sind leergefegt, die Steuerausfälle halten an, die Schuldenberge wachsen: Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger hat als Reaktion auf die Finanznot seines Staates 200 000 Beamte in den unbezahlten Zwangsurlaub geschickt. Auch in vielen anderen US-Bundesstaaten regiert der Rotstift. Experten halten weiteren Stellenabbau im öffentlichen Dienst für unausweichlich.

Nur die Bereiche Gesundheit und Bildung trotzen der Krise und bauen derzeit noch Arbeitsplätze auf, können die schlechte Gesamtlage auf dem Arbeitsmarkt aber kaum lindern. Seit Beginn der Rezession im Dezember 2007 hat die US-Wirtschaft 6,5 Millionen Arbeitsplätze verloren, so viele wie noch nie in der Nachkriegsgeschichte.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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